GUTT-BYE, BUY GUTT

GUTT-BYE, BUY GUTT
oder das vorläufige Ende freiherrlicher Dienstflüge.

Linkswissenschaftliches zur verdorbenen Wissenschaft, zur ganzdeutschen Forschungsgemeinschaft und zur Lage an der Kopfarbeitsfront zu Beginn eines neuen Jahrzehnts.

Von Richard Albrecht

Dreizehnte Flaschenpost

The problem in the human and social sciences is to make invisible things visible.“ (Marie Jahoda)[1]

Der Autor diskutiert einen Aspekt zum Fall Guttenberg als besondere Schwindelstruktur des ganzdeutschen Wissenschaftsbetriebs in seiner realexistierenden institutionell-systemischen Form bei Promotion und Publikation und verweist auf den mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) als Leitinstitution im Forschungssystem zusammenhängenden realexistierenden Prozess von Exklusion & Ausschluss, Ausgrenzung & Ächtung. Die DFG verwehrt seit Mitte 2010 produktiven Wissenschaftlern den Zugang zu öffentlichen Fördermitteln durch eine neue formale Verfahrensregelung zur Antragsberechtigung.

Vorbemerkungen und zugegeben:

(1) Diese, die dreizehnte, Flaschenpost ist nicht nur aktuell. Sondern auch dringlich. Und noch dringlicher geworden durch den in diesem „Fall“ so doppelsinnigen wie richtungsweisenden Fall des Herrn Frhr. zu K.-T. Guttenberg [ripuarisch, vulgo Kölsch: Juttenzwersch] ganzdeutscher Bundesminister [BuMist] 2009/2011 mit so larmoyantem wie kann-nicht-verstahn-Abtritt Anfang März 2011. Dieser Abgang veranschaulicht das Ausmaß der Politfigur Guttenberg als neudeutsch „Fake“ genanntes personales Gesamtfalsifikat oder rundum und von oben bis unten gefälschte veröffentlichte Kunstfigur. Diese sollte die nach dem rüpelnden Abgang eines verflossenen Staatenlenkers und letzten der SPD angehörenden ganzdeutschen Medien- oder Talmikanzlers (1998-2005) das seitdem realexistierende Repräsentationsvakuum[2] postfaschistisch-medial füllen: den Vielen da unten sollte wenn schon nicht panem oder Brot, dann doch wenigstens circenses oder Spiele gegeben werden. Guttenbergs Fall Anfang März 2011 erinnert politikhistorisch an einen jahrzehntelang „verdrängten“ Grundtatbestand: Auch nach der deutsch-deutschen Staats(zwangs)vereinigung gibt es Grenzen der Manipulationen des fälschlich „Zeitung“ genannten, sechs Mal in der Woche erscheinenden Papierorgans BILD. Nach allem was ich weiß geht es im Fall Guttenberg um eine von gesellschaftlichen Schwindelstrukturen[3] zahlreicher Dimensionen, Felder und Formate produzierte und diese reproduzierende öffentliche Schwindelfigur[4]. Mit deren (mich hier nicht weiter interessierenden) Karrierepfaden, Facetten und Einzelheiten sich wer auch immer befassen mag.

(2) Geplant war, nach der letzten Sommerpause etwa um den 15. oder 20. September 2010 in einem von Intellektuellen gelesenen und dort verbreiteten Linksblog eine Campagne zu versuchen in Form eines Offenen Briefes an den DFG-Präsidenten mit der Leitfrage: Sorgen Sie bitte dafür, daß auch der (Sozial-) Wissenschaftler Richard Albrecht bei Ihnen Anträge zur Forschungsförderung stellen darf. Als es Anfang September 2010 konkret wurde – und „die Wahrheit“ soll bekanntlich immer konkret und banal zugleich sein – war´s das denn gewesen: bestenfalls Heißluft, schlimmstenfalls weniger als wenig. (Den Namen des als kämpferisch geltenden, hier aus Gründen nicht genannten fh-Profs dürfte ich in diesem Leben nicht vergessen …)

(3) Wenn auch Sie wie der Herr DFG-Präsident und andere die gegenwärtig-ganzdeutsche Forschungsförderung leitende Herren & Damen als „die wohlbestallten Spitzenvertreter der Forschung“ und verantwortliche Produzenten des „Armutszeugnis´“ für die deutschen Forschungsorganisationen“ (Die Zeit) meinen, ich sollte dort im SoWi-Bereich zur Verstärkung und Weiterführung wirksamer Verkehrungsprozesse MTSGR [money-makes-this-science-go-round] und/oder DEAD [Diffamieren – Einschüchtern – Ausgrenzen – Denunzieren] nachhaltig und dauerhaft rausgehalten werden – tun Sie sich und mir bitte den Gefallen und lesen hier nicht weiter. Für Typen wie Sie, die – und nicht nur wegen des Teints – besser Pilze sammeln gehn im Wald hab ich bisher nicht geschrieben, schreib ich auch jetzt nicht und hab´s auch (über-) morgen nicht vor. Damit das mal klar ist …

I.

Nach dem Rücktritt des BuMist meinte Ulrich Schnabel in Die Zeit am 3. März 2011: "Es gab schon viele Politikerrücktritte. Es gab auch viele aus gravierenderen Gründen. Dennoch ist der Sturz von Karl-Theodor zu Guttenberg über seine Doktorarbeit beispiellos. Denn noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik ist ein Minister über wütende Wissenschaftlerproteste gestürzt […] Der Fall zu Guttenberg [markiert] auch für das Wissenschaftssystem eine Zäsur: Zum einen demonstriert er das gestiegene Selbstbewusstsein von Forschern, die sich für mehr als nur für die Vorgänge im eigenen Labor oder Seminar interessieren; zum anderen zeigt er, dass die viel beschworene »Bildungsrepublik Deutschland« nicht zum moralischen Nulltarif zu haben ist, sondern dass deren Standards ernst genommen werden müssen. Schließlich hat die Affäre auch blitzlichtartig erhellt, wie es um die gern hochgehaltenen »Selbstreinigungskräfte« der Wissenschaft wirklich bestellt ist: Sie sind keinesfalls selbstverständlich, sondern hängen letztlich immer wieder vom Engagement Einzelner ab […] Die viel beschworenen Selbstreinigungskräfte, auch das eine Erkenntnis, entfalteten sich stattdessen im Internet. Eine bunte Truppe von Nachwuchswissenschaftlern nahm im Netz mit dem GuttenPlag Wiki die umstrittene Dissertation auseinander und förderte so das ganze Ausmaß der Schummelei zutage. Auch wenn sich vermutlich nicht alle dort erhobenen Vorwürfe im weiteren Verlauf der Untersuchung (welche die Uni Bayreuth fortsetzt) erhärten lassen, ist offensichtlich, dass zu Guttenberg massiv gegen die wissenschaftlichen Standards verstoßen hat. Der beispiellose Proteststurm der vergangenen Tage war ebenfalls ein Netzphänomen. »Aussitzen« hätte das Rezept in früheren Zeiten wohl gelautet, die Zeitungen hätten sich nach ein paar Tagen wieder anderen Themen zugewandt, die Sache wäre nach und nach in Vergessenheit geraten. Doch im Internet wuchs die akademische Empörung im Schneeballsystem und gewann binnen Stunden an Wucht. Denn spätestens nach der Erklärung Angela Merkels eine Woche zuvor, sie habe zu Guttenberg nicht »als wissenschaftlichen Assistenten« angestellt, stand die Geschäftsgrundlage der Wissenschaft zur Disposition: nicht nur die Frage, was geistiges Eigentum in Deutschland eigentlich wert ist, sondern auch die grundlegendere, welchen Stellenwert man hierzulande dem wissenschaftlichen Streben nach Wahrheit und Redlichkeit zumisst. Schockiert nahmen viele Bildungsbürger zur Kenntnis: Weite Teile von Politik und Öffentlichkeit schienen die Tragweite des Guttenbergschen Wissenschaftsbetruges nicht zu erfassen. Dass es dabei nicht nur um den sauberen Umgang mit Quellen ging, sondern letztlich um die entscheidende Frage der Glaubwürdigkeit (sowohl in der Wissenschaft wie in der Politik), schien viele nicht zu kümmern. Es drängte sich der Verdacht auf, dass die Wissenschaft dem Rest der Gesellschaft nicht mehr klarmachen kann, nach welchen Regeln sie eigentlich funktioniert. Und weshalb diese Regeln wichtig sind. Doch die Spitzenorganisationen reagierten mit windelweichen Erklärungen, in denen weder die Stadt Bayreuth noch der Name »Guttenberg« auftauchten […] Mit dem Rücktritt des Verteidigungsministers ist der Fall für die Wissenschaft nicht erledigt. Losgetreten wurden die Proteste vom Nachwuchs, der um die Entwertung des Doktortitels bangt. Um sie zu befrieden, müssen jetzt überall dieselben strengen Maßstäbe angelegt werden. Und die Wissenschaft muss sich fragen, wie der Eindruck entstehen konnte, in der akademischen Welt werde doch überall mehr oder weniger geschummelt."

In Die Welt meinte Michael Stürmer nach dem Rücktritt des BuMist am 3. März 2011: „Wie man die Hände in Unschuld wäscht, ist dieser Tage in Bayreuth zu beobachten […] Der Doktorvater, ein geachteter, mittlerweile emeritierter Jurist, hat sich geäußert, als habe er das Corpus delicti erst jetzt zur Kenntnis genommen: Die "mir unvorstellbaren Mängel sind schwerwiegend und nicht akzeptabel". Das führt zu der Frage, was eigentlich Aufgabe des Doktorvaters ist. Das Wort vom Doktorvater ist keine Metapher. Man muss schauen, ob das dem Doktoranden gestellte Thema zu dessen Fähigkeiten und Möglichkeiten passt – und zu den Vornoten. Guttenbergs Thema war gewaltig und, wenn er noch anderes zu tun hatte, von vornherein eine Überforderung. Um den Stand der Arbeit abzugleichen, gibt es das Oberseminar, wo die Kommilitonen und der Professor nicht die Aufgabe haben, zu staunen, sondern Fragen zu stellen. Da hört man, ob es hohl klingt. Wenn eine Arbeit sich über Jahre und Jahre dahinschleppt, dann wird es Zeit zu einem kritischen, auch selbstkritischen Wort zwischen Vater und Sohn. Wenn das alles nichts Anstößiges zutage bringt, dann gab es auch schon vor dem Internet den prüfenden Blick auf logische und stilistische Brüche. Wenn dann noch immer nicht die Warnlampen blinken, folgen Hauptgutachten und Zweitgutachten. Die sind nicht zum Loben da, sondern zum Prüfen, Bewerten und, notfalls, zum Verwerfen. Zu alledem kommt die vierwöchige Auslegungsfrist, in der jedes Mitglied der Fakultät sich informieren kann. Krönung des Verfahrens ist die Übernahme in eine geachtete Reihe eines geachteten Verlages […]."

Die Gemeinsamkeit beider journalistischer post-festum- oder Nachdeutungen: Sie rückverweisen, wenn auch in unterschiedlicher Dichte, so aspekthaft wie folgenlos aufs ganzdeutsche Wissenschaftssystem, das G´s Falsifikat hervorbrachte: Guttenbergs mit der Bestnote „summa cum laude“ bewertete juristische Dissertation von 2007, die 2009 als Band 176 in der Schriftenreihe zum Internationalen Recht eines renommierten Berliner Wissenschaftsverlags veröffentlicht wurde[5].

II.

Auch Michael Stürmer, von 1973 bis 2003 Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg, blendet wie alle von mir zitierten Kommentatoren alle politisch-inhaltlichen Fragen zum verfassungsrechtlich-politischen Vergleich USA – EU Guttenbergs aus. Auch Stürmer zuspitzt auf Formalia und sieht in der „Übernahme in eine geachtete Reihe eines geachteten Verlages“ nicht nur den angemessenen Abschluß eines Promotionsverfahrens, sondern „die Krönung des Verfahrens“. So gesehen erfuhr Guttenbergs Promotionsverfahren diese „Könung“: seine mit „summe cum laude“ bewertete Diss.iur. erschien in einer „geachteten Reihe“, den „Schriften zum Internationalen Recht“, und in einem „geachteten Verlag“, dem Berliner Wissenschaftsverlag Walter de Gruyter. Dieser reklamiert (netz-) öffentlich: „Der Wissenschaftsverlag Walter de Gruyter ist seit Jahrzehnten ein Synonym für anspruchsvolle wissenschaftliche Fachliteratur“ (die entsprechende Simple-English-Formel lautet: „The scientific publishing house of Walter de Gruyter has for decades been synonymous with superior scientific literature”)[6].

Die Placierung der von der Juristischen Fakultät der Universität Bayreuth mit „summa cum“ bewerteten juristischen Dissertation als Band 176 in genannter Schriftenreihe (2009) im genannten „Wissenschaftsverlag“ zeigt in antagonistischer Weise das genaue Gegenteil des von Stürmer proklamierten Prozesses: das Buch wurde unhinterfragt, vermutlich unlektoriert und mutmaßlich infolge Druckkostenzahlung in der „geachteten“ SIR-Verlagsreihe publiziert.

Diese Publikation des Berliner Verlags Walter de Gruyter bestätigt eine weitere, letztjährig empirisch nachgewiesene, Publikationspraxis dieses Berliner „Wissenschaftsverlags“ mit nachhaltiger Schädigung wissenschaftlicher Autoren als Urheber, deren Leistungsschutzrecht seit Jahren in strafrechtsrelevanter Form mißachtet wird – in (m)einem, dem bisher einzigen öffentlich dokumentierten, „Fall“, ging und geht es um finanzielle Schädigung/en in bislang nicht ermittelbaren Ausmaß, genauer[7]:

Quod erad demonstrandum. Dokumentarisches: Ohne jeden Anpruch auf Vollständigkeit dokumentiere ich, was ich bei meinen Netzrecherchen am 25. Oktober 2010 fand, genauer: Acht meiner Aufsätze der Jahre 1983 bis 1995 wurden auf der speziell zum Verkauf wissenschaftlicher Zeitschriftentexte eingerichteten Netzseite des Berliner de Gruyter Verlags angeboten:

1 Text aus Communications 1983 (-> communications) – 2 Text aus Communications 1986 (-> communications) – 3 Text aus Fabula (-> fabula) – 4 Text aus Communications (-> communications) – 5 Text aus IASG 1989 (-> IASL) – 6 Text aus Communication 1990 (-> communications) – 7 Text aus Communication 1991 (-> communications) – 8 Text aus Communication 1995 (-> communications)

Anders ausgedrückt: Dieser eine – angeblich oder wirklich – renommierte und international tätige Berliner Wissenschaftsverlag hat in den 1980er und 1990er Jahren mindestens a c h t von mir damals in seinen Zeitschriften, darunter sechs meiner Aufsätze in der von Alphons Silbermann edierten Zeitschrift Communications. The European Journal of Communications, illegal (Starkdeutsche nennen das kriminell) ins weltweite Netz gestellt, um damit, etwa zur begrenzten einmaligen Nutzung pro Aufsatz (Stand Ende 2009), 40 US-Dollar pro Aufsatz zu verdienen … ohne daß der Autor und seit Jahren alleinige ©-Rechteinhaber darüber informiert wurde und/oder dazu befragt oder/und auch weder einen Pfennig noch einen Cent oder/und schon gar keinen US-Dollar vom Verlag oder von wem auch immer erhalten hat.“[8]

III.

Die in Bonn ansässige Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ist ein eingetragener (privatrechtlich organisierter) gemeinnütziger Verein und gilt als „die zentrale Selbstverwaltungsorganisation der deutschen Wissenschaft"[9] mit den Aufgaben: „Die Deutsche Forschungsgemeinschaft dient der Wissenschaft in allen ihren Zweigen durch die finanzielle Unterstützung von Forschungsaufgaben und durch die Förderung der Zusammenarbeit unter den Forscherinnen und Forschern"[10], genauer:

„Mit einem jährlichen Etat von inzwischen mehr als zwei Milliarden Euro finanziert und koordiniert die DFG in ihren zahlreichen Programmen über 20 000 Forschungsvorhaben einzelner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie von Forschungsverbünden an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Dabei liegt der Schwerpunkt in allen Wissenschaftsbereichen in der Grundlagenforschung.“[11]

Abgesehen von der (auch oben angesprochenen) wissenschaftlichen Problematik des neuen wissenschaftlichen „open access“-Publizierens, zu der sich die DFG-Spitze bereits 2007 bekannte und zu dem sie „alle von ihr geförderten Wissenschaftler“ auffordert/e[12] gibt es ein (hier nicht weiter zu diskutierendes) Grunddilemma der DFG-Forschungsförderung. Dieses ist auch dem deutschsprachigen Netzlexikon wikipedia nicht verborgen geblieben. Es wurde im dortigen Lemma vorsichtig so ausgedrückt[13]:

„Die Begutachtungspraxis von Förderanträgen genügt […] nicht rechtsstaatlichen Anforderungen, da Entscheidungen nicht begründet werden und keine Widerspruchsmöglichkeiten bestehen.“

Den Doppelcharakter von Wissenschaft hat Carl Djerassi im Postscript zum Satireroman Cantors Dilemma (1989) bündig beschrieben: "Science is both disinterested pursuit of truth and a community, with its own customs, its own social contract"[14]. Das heißt: Wissenschaft ist immer beides zugleich, sowohl Erkenntnisform als auch Handlungssystem. Auf der Ebene der [scientific] community, hier der DFG-Wissenschaftlergemeinde, wurde die Problematik des (im Zusammenhang mit Guttenbergs Fall zuletzt am 25. März 2011 öffentlich bekräftigtem) Erkenntnisanspruchs der DFG deutlich: „Wissenschaft beruht auf Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Vertrauen"[15]. Unter Vermeidung aller Eindimensionalität und unter Einvernahme der Möglichkeitskategorie[16] ausgedrückt: Die DFG könnte als empirisch realexistierende non-equal-chance-institution infolge ihrer Chancenungleichheiten wegen fehlender Zugangsoffenheit/en, Prozeßtransparenz und Ausgangskontrolle/n empirisch durchaus und nicht nur aspekthaft als ganzdeutsche Leitinstitution zur Forschungsverhinderung wirken.

Wenn Siegfried Kracauers These: „Der Ort, den eine Epoche im Geschichtsprozeß einnimmt, ist aus der Analyse ihrer unscheinbaren Oberflächenäußerungen schlagender zu bestimmen als aus den Urteilen der Epoche über sich selbst“[17] auch nur im Ansatz zutrifft – dann sind in einer bürokratischen Großorganisation wie der Bonner DFG als „unscheinbare Oberflächenäußerungen“ bestimmte Regeln, Regularien und Richtlinien zur „Forschungsförderung“ von besonderem Interesse: etwa die ab Juli 2010 geltenden „Neuregelungen für Publikationsverzeichnisse in Anträgen, Antragsskizzen und Abschlussberichten“ von DFG-Wissenschaftlern[18] mit Hinweis auf die nun nur noch „optionalen Lektüre“ von Forschungsanträgen beigefügten „Arbeiten“ des/der Antragsteller, die auch nur noch „fünf Arbeiten in Publikationsorganen“ in ihrem „wissenschaftlichen Lebenslauf“ „aufführen“ dürfen[18]; oder – und hier insbesondere – die formelle Neuregelung der „Antragsberechtigung“ bei „Forschungsstipendien“ promovierter Wissenschaftler im 19-seitigen DFG-Vordruck 1.04 – 10/09, in der es zur „Integration“ ins „deutsche Wissenschaftssystem“ heißt[19]:

„Für ein Forschungsstipendium sind Sie als Wissenschaftlerin und Wissenschaftler grundsätzlich antragsberechtigt, wenn Sie in das deutsche Wissenschaftssystem integriert sind. In der Regel gelten Sie als integriert, wenn Sie unmittelbar vor der Antragstellung mindestens drei Jahre während der Promotions-und/oder Postdoc-Phase ununterbrochen wissenschaftlich in Deutschland gearbeitet haben.“

Das heißt: ich selbst bin als „summa cum“-Dr.phil., weil bisher nicht „mindestens drei Jahre [lang] während der Postdoc-Phase ununterbrochen in Deutschland“ als (Sozial-) Wissenschaftler beschäftigt, per definitionem n i c h t antragsberechtigt. Das von mir in Form „gratiser Privatarbeit“ (Marx) vorbereitete höchstanspruchsvolle Forschungsprojekt über Zwei Jahrhunderte deutsche Geistes- und Sozialwissenschaftsgeschichte, in welchem „über die doppelte Vermittlung“ durch Arbeiten des Soziologen Ferdinand Tönnies (1855-1936) „nahezu zwei Jahrhunderte deutsche Geistes- und Sozialwissenschaftsgeschichte subjektsoziologisch von Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) bis René König (1906-1992) strukturierend eingeholt“ werden könnte, bleibt als „intellektuell bedeutsames ´weites Feld´“ ein DFG-„forschungsförderungsbezogenes Anathema“[20]: Ohne Moos nix los.

Dieser Prozeß wird von und seit Max Weber soziologisch „Schließung der betreffenden (sozialen und ökonomischen) Chancen gegen Außenstehende“[21] genannt. Der individuelle Ausschluß ist auch bei der DFG ein formalisierter und institutionalisierter sozialer Prozeß. Würde er als institutionelle Regelung folgerichtig angewandt oder konsequent exekutiert, bedeutete dies für Nachgeborene und damit Generationen von Forschern beiderlei Geschlechts entweder auch projektiv deren (wie empirisch meinen) Ausschluß; oder aber, angesichts zunehmenden „Drucks auf den Magen“ (Hermann Heller) eher wahrscheinlich: diese „Nachgeborenen“ werden, wenn und insofern die dauerhafte und stetige Beschäftigung in anerkannten ganzdeutschen Wissenschaftseinrichtungen n i c h t mehr typisch und Regel, sondern atypisch und Ausnahme wird, um überhaupt ihre „Antragsberechtigung“ darstellen zu können und möglicherweise eventuell DFG-gefördert werden zu können, systematisch ihre Biographien fälschen und personal lügen. Entsprechend des Doppelcharakters des Ausschlußprozesses verbleibt der DFG damit nicht mal mehr eine formaldemokratische Hülle als equal-chance-institution. Vielmehr ist – wie im Fall Guttenberg – das Verhältnis von Ausnahme und Regel verkehrt[22], die Ausnahme Regel und „Normalität“ zugleich geworden.

Die infolge so illusionärer wie falscher Voraussetzungen notwendig produzierte Verkehrung entspricht sowohl (nicht nur, aber nachhaltig) der von der DFG vertretenen Selbsttäuschung und Lebenslüge als auch dem Prozeß, den Franz Kafka während des Ersten Weltkriegs bemerkte und lakonistisch so beschrieb:

Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht“[23]