Gates drängt die NATO, Afghanistan nicht "vorzeitig" zu verlassen

Von Kevin Baron, STARS AND STRIPES,
Übersetzt von Wolfgang Jung

BRÜSSEL, Belgien – In einem eindringlich formulierten Appell an die 48 Staaten, die im Krieg in Afghanistan Bodentruppen stellen, warnte Verteidigungsminister Robert Gates vor einem Abrücken von der Vereinbarung, den Kampf bis 2014 fortzusetzen.

"Ich sage Ihnen ganz offen, es wird zu viel über den Abzug und zu wenige über einen erfolgreichen Abschluss unserer Mission gesprochen," sagte Gates am Freitag im NATO-Hauptquartier und wandte sich damit speziell an die "Hauptstädte" in Europa.

"Es wird zu viel über den Abzug und zu wenig über die Fortsetzung des Kampfes diskutiert. Man kümmert sich zu viel darum, wann wie viele Truppen zurückgeholt werden können, und nicht genug um das, was noch zu tun ist, bevor wir Afghanistan verlassen können."

Nach dem Besuch einiger der am heftigsten umkämpften Gebiete Afghanistans in dieser Woche befürwortete Gates die Absicht des Präsidenten Barack Obama, ab Juli dieses Jahres mit dem Abzug einiger US-Einheiten zu beginnen.

Kommandeure auf der Air Base Bagram im Osten und in (den Provinzen) Kandahar und Helmand im Süden (Afghanistans) hatten über die im Winter erzielten Landgewinne – die bedeutendsten des ganzen Krieges – berichtet, aber auch betont, dass sich erst im Frühjahr, wenn die Taliban-Führer der mittleren Ebene aus Pakistan zurückkehren und die Kämpfe wieder beginnen, erweisen werde, ob die Erfolge von Dauer seien.

Gates teilte mit, dass ab Juli nur eine begrenzte Anzahl von US-Soldaten abgezogen werde und sehr wahrscheinlich nicht aus dem Süden oder Südwesten, weil dort noch heftige Kämpfe bevorstünden.

Weil die USA 100.000 Soldaten stellten und dafür pro Jahr 20 Milliarden Dollar und für den Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte weitere 12,8 Milliarden Dollar ausgäben, müsse auch die Koalition einen angemessenen Beitrag leisten, betonte Gates.

"Wir werden die mit hohen Verlusten erkauften bedeutenden Erfolge, die wir erzielt haben, nicht für eine politische Geste (einen übereilten Abzug) opfern," sagte er. "Deshalb erwarten wir, dass auch die anderen beteiligten Nationen durchhalten."

Ohne die vereinten Bemühungen der Koalition könnten die erzielten Fortschritte wieder bedroht sein.

Geoff Morrell, der Pressesprecher des Pentagons, hob hervor, die Kritik des US-Verteidigungsministers richte sich nicht gegen einzelne Regierungen. Er habe nur allgemein auf die ausufernden Debatten über den immer unpopulärer werdenden Krieg eingehen wollen.

Auf einer internen Sitzung am Freitag, an der auch der afghanische Verteidigungsminister Abdul Rahim Wardak teilnahm, sprachen (US-)General David Petraeus (der Oberbefehlshaber der US-und ISAF-Truppen in Afghanistan) und (US-)Admiral James Stavridis, der NATO-Oberkommandierende.

Nach NATO-Angaben sind in Afghanistan etwa 42.000 Soldaten eingesetzt, die nicht von den USA gestellt werden; Großbritanniens stellt zum Beispiel 9.500 und Island nur zwei Soldaten.

Am Dienstag hatten US-Kommandeure in der afghanischen Stadt Sangin und im Bezirk Arghandab Minister Gates berichtet, nachdem im November angekündigt worden sei, dass die NATO-Streitkräfte bis 2014 in Afghanistan blieben, hätten sich viele Einheimische von den Taliban abgewandt und der Koalition und der afghanischen Regierung angenähert; außerdem seien danach mehr Rekruten für die afghanischen Sicherheitskräfte zu gewinnen gewesen.

Wegen des politischen Druck (aus der Bevölkerung), die einen baldigen Abzug aus Afghanistan fordert, hatten – dem Beispiel der USA folgend – Ende letzten Jahres führende britische Politiker angekündigt, im Januar 2011 einige Soldaten abziehen zu wollen, und auch das deutsche Parlament hatte gefordert, noch in diesem Jahr einen Teil der 4.900 deutschen Soldaten zurückzuziehen. Außerdem könnte Polen noch in diesem Jahr mit der Rückholung seiner Truppen beginnen.

Die für die ISAF-Truppen zuständigen Minister der NATO-Staaten haben einem Plan zugestimmt, der vorsieht, mit der Übertragung der Verantwortung für die Sicherheit von Teilen des Landes an die afghanischen Streitkräfte noch in diesem Jahr zu beginnen. Es wird erwartet, dass Präsident Hamid Karzai weitere Details nach dem afghanischen Neujahrsfest noch in diesem Monat bekanntgibt. Die Übergabe einzelner Gebiete könnte 12 bis 18 Monate erfordern, teilte die NATO am Freitag mit.

Am Freitag hat Gates auch darum ersucht, die von Obama im Haushaltsjahr 2012 für den Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte vorgesehenen 12,8 Milliarden Dollar um 1,4 Milliarden pro Jahr aufzustocken.

"Wir dürfen jetzt nicht unseren Schwung verlieren und dem Geschrei nachgeben, das den Abzug fordert, bevor der Job erledigt ist," erklärte Gates.

(Wir haben den Artikel komplett übersetzt und mit Ergänzungen und einem Link in Klammern und Hervorhebungen versehen.)


Unser Kommentar

In seiner Rede vor US-Kadetten in West Point hatte Gates noch getönt: "Nach meiner Meinung sollte jeder zukünftige Verteidigungsminister, der dem Präsidenten empfiehlt, erneut eine große US-Bodentruppe nach Asien, in den Mittleren Osten oder nach Afrika zu entsenden, wegen seines Geisteszustandes untersucht werden." (s. dazu auch http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_11/LP04411_090311.pdf ). Auf der NATO-Konferenz in Brüssel hat sich aber gezeigt, dass auch dieser Wolf bei seiner vorgezogenen "Abschiedsrede" in den USA nur Kreide gefressen hatte. In Brüssel ist er wieder als der bekannte Scharfmacher und Kriegstreiber aufgetreten und hat seinen kriegsmüden europäischen Kollegen heftig die Leviten gelesen.

Der afghanische Verteidigungsminister, der auch an dem Treffen in Brüssel teilgenommen hat, wird, nach Kabul zurückgekehrt, Herrn Karzai sicher sofort mitgeteilt haben, dass der versprochene baldige Abzugsbeginn nicht so ganz ernst gemeint war. Das dürfte der Hauptgrund dafür gewesen sein, dass die sonst so gefällige US-Marionette Karzai jetzt den USA und der NATO den Stuhl vor die afghanische Tür gestellt und ultimativ den umgehenden Abzug aller ausländischen Truppen aus dem Land am Hindukusch verlangt hat (Weitere Infos dazu unter http://www.spiegel.de/politik/ ausland/0,1518,750561,00.html und http://www.fr-online.de/politik/karsai-fordert-truppen-abzug/-/1472596/8113740/-/index.html ). Damit hat er gleich mehrere Beine an seinem Präsidentenstuhl abgesägt und die Gefahr heraufbeschworen, schon bald Opfer eines "Taliban-Anschlages" zu werden.


Wolfgang Jung

Quelle: Luftpost, Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein.