Die WahrheitsLüge

Die WahrheitsLüge

Subjektwissenschaftliche Kritik alter und neuer
ganzganzdeutscher Zeitgeschichtsschreibung*)

Von Richard Albrecht

Der Ort, den eine Epoche im Geschichtsprozeß einnimmt, ist aus der Analyse ihrer unscheinbaren Oberflächenäußerungen schlagender zu bestimmen als aus den Urteilen der Epoche über sich selbst.“ (Siegfried Kracauer[1])

Die Geschichte ist eine Erfindung, zu der die Realität die Fakten liefert.“ (Hans Magnus Enzensberger[2])

Einleitung – Zwei literarische Aphorismen

Auf der Netzseite "Der Analysepatient" veröffentlichte der Klagenfurter "Hobby­autor" Daniel Kölblinger am 19. Juli 2008 (s)ein "Epigramm zum Thema Wahrheit"

„Die Wahrheitslüge
Wer sagt, er spräche immer Wahrheit,
der lügt gerade, da herrscht Klarheit!"[3]

Dieser Doppelzeiler wurde (Ende März) 2009 erneut veröffentlicht im deutsch­sprachigen "Forum für Dichter und Autoren – Kein Verlag.de".[4]

Der Autor hat erkennbar und nach eigenem Bekunden auch bewußt an Wilhelm Busch angeschlossen. In dessen Gesammelte-Werke-"Nachlese" findet sich dieser aphoristische Hinweis: „Wer dir sagt, er hätte noch nie gelogen, dem traue nicht, mein Sohn.“[5]

Insofern kennzeichnet der Autor seine Arbeitsmethode zutreffend: "Was ich […] ab und zu mache, ist, dass ich Ideen eines anderen weiterspinne, verarbeite und durch meine Sichtweise ergänze. In diesem speziellen Fall ist die Grundlage ein Wilhelm Busch-Zitat."[6]

Dieser Rückbezug bedeutet, modernsoziologisch ausgedrückt, literarische Autor­referentialität. Ein vormärzlicher Literarhistoriker[7] nannte diesen Vorgang "Literatenliteratur" (Erich Auerbach).

Sozialwissenschaftlicher Wahrheitsanspruch

Der Busch-Kölblinger´sche Aphorismus ist mit Blick auf seine doppelbödige Dialektik ozeanisch. Demgegenüber ist mein Verständnis der WahrheitsLüge-Problematik doppelt begrenzt; sowohl spezifischer als auch eingeschränkter, weil auf ein bestimmtes Feld des menschlichen Wissens, Wissenschaft, und hier wiederum auf einen Teil dieser, Sozialwissenschaft, bezogen. Deren Wahrheitsanspruch ist aufgrund ihres doppelten Doppelcharakters entsprechend meines kritisch-rationalen Verständnisses von (Sozial-) Wissenschaft im Sinne des erkenntnisbezogenen „disinterested pursuit of truth“[8] unhintergehbar, genauer: Auch im speziellen mikroempirischen Bereich ist das zu bedenken, was Werner Hofmann allgemein als Wissenschaft in ihrer „Doppelmöglichkeit von Irrtum und Wahrheit“ charakterisierte[9].

Im Anschluß auch an diese Hinweise geht es mir hier um eine subjektwissen­schaftliche Kritik des alten bundes- und neuen deutschen juste milieu von deutschen ´Elitehistorikern´. Diese kritisiere ich als historisch arbeitender Sozialwissenschaft­ler nicht ohne Kenntnis und Verständnis im Zusammenhang mit der von der damaliger (Schröderfischer-) Regierung der Bundesrepublik Deutschland ange­schobenen öffentlichen "Elite"-Unidebatte und im Wissen, daß die Damen und Herren der deutschen ´politische Klasse´ in der Süddeutschen Zeitung seinerzeit als „arrogantes, schnöselhaftes, nichtsnutziges Pack“ (Prof. Dr. Thomas Steinfeld) gekennzeichnet wurden[10].

In diesem Text geht es auch um wissenschaftliche Polemik gegen prominente deutsche Zeitgeschichtler „ohne Logos“[11] und um deren (trotz ihrer oft irrationalen Antilogizität und grotesken Absurdität) ernstzunehmende Hervorbringungen und/als Texte. Zugleich geht es über diese – und auch über solche von Friedrich Engels (1820-1895) und Wladimir I. Lenin (1870-1924) – hinaus um den ideologischen Charakter historischer Sozialwissenschaft im gegenwärtigen Zeitalter des „late modern age“ (Anthony Giddens). Dessen Postmodernismus spannt heuer vom Beliebigkeitssubjektivismus einschließlich seiner intellektuellen Spielarten vom Nichts-ist-unmöglich („anything goes“) bis zum Iss-eh-wurscht des antihuman(istisch)en Wertenihilismus[12].

Der akademische Lehrer Werner Hofmann (1922-1969) kritisierte nicht nur 1959 den „Grundinhalt des modernen Irrationalismus“ als Verinnerlichung (oder Internalisierung) des „äußeren Handlungszwangs“[13]. Sondern formulierte auch 1968 bündig zum Erkenntnischarakter von Wissenschaft als humanem Erkenntnis­prozeß. Zunächst formal: Es geht um "methodische (d.h. systematische und kritische) Weise der Erkenntnissuche". Sodann inhaltlich: Wissenschaft beruht immer auf dem „elementaren Unterschied von Subjekt und Objekt“ und enthält „die Doppelmöglichkeit von Irrtum und Wahrheit.“ Wissenschaft ist

"ihrem allgemeinen Inhalt nach gerichtet: 1. auf das Erscheinungsbild der Wirklichkeit (als sammelnde, beschreibende, klassifizierende Tätigkeit, als Morphologie, Typologe usw.); 2. als theoretische Arbeit auf Zusammenhang, Bedeutung, Sinngehalt der Erscheinungen, auf wesentliche Grundsachverhalte, auf Gesetze der Wirklichkeit. Die Erschließung des Erfahrungsbildes der Welt arbeitet der theoretischen Deutung vor; sie begründet deren empirische Natur und die Überprüfbarkeit ihrer Ergebnisse. Die Theorie aber stiftet erst die Ordnung des Erfahrungsbildes; sie erst gibt der empirischen Analyse ihren Sinn und nimmt die Erscheinungssicht vor der bloßen Form der Dinge in Hut. In diesem dialektischen Widerspiel von Erfassung und Deutung der Wirklichkeit ist konstitutiv für Wissenschaft die Theorie. Nicht immer verlangt das Verständnis von Wirklichkeit nach Theorie; doch erst mit der Theorie hebt Wissenschaft an."[14]

Hier interessiert der Erkenntnisaspekt von Wissenschaft als „selbstloses Streben nach Wahrheit“. Nicht aber Wissenschaft als Handlungssystem mit seinen eigenen „Sitten und Gebräuchen, Vorstellungen und Gesetzen“ als der anderen Seite derselben Medaille mit ihrem sowohl empirischen als auch strukturellen Widerspruch zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisprozeß (als Wahrheitsstreben) und der Organisation von Wissenschaftlern (in Form des Wissenschaftsbetriebs).[15]

Juste Milieu

Wie kürzlich am Beispiel eines zentralhistorischen Dokuments des 20. Jahrhunderts, der zeitnahen (Teil-) Mitschrift von Hitlers berüchtigter zweiter Geheimrede vor den Oberkommandierenden der Wehrmacht am 22. August 1939 auf dem Obersalzberg, der sogenannten Dschinghis-Khan-Rede, nachgewiesen[16], zeigte sich im Verhältnis führender deutscher Zeitgeschichtler zum Lochner- oder L-3-Dokument des Internationalen Militärgerichtshofs (IMT) 1945/46 eine doppelte Verkehrung: Zum einen kannte bis 2008 nachweislich kein deutscher Zeitgeschichtler das Dokument. Das hielt zum anderen führende deutsche Zeitgeschichtler jahrzehntelang nicht davon ab, den originalen L-3-Text öffentlich als Falsifikat zu entlarven und/oder zur Fälschung zu erklären. Und trieb einige aus dieser wohlbestallt-akademischen Zunft sogar so weit, den 2008 (als Faksimilé) erstpublizierten real-existierenden Text als nicht-existent zu propagieren. Deutsche Zeitgeschichtler frönten hier ein jurisprudentisch nicht unbekanntes subsumptionslogisches Verfahren: Die Morgenstern-Logik des Autors Christian Morgenstern (1871-1914), der sie in seinem (verkehrsun)fallbezogenen Kurzpoem Die unmögliche Tatsache (1909/10) so umschrieb:

Eingehüllt in feuchte Tücher, prüft er die Gesetzesbücher […] Und er kommt zu dem Ergebnis: ´Nur ein Traum war das Erlebnis. Weil´, so schließt er messerscharf, ´nicht sein kann, was nicht sein darf.´[17]

Es mag an dieser Stelle offenbleiben, ob dieses zugleich beispielhafte und beispiellose Professionshandeln deutscher Staatsdiener in Lebensstellungen, die Pierre Bourdieu als tenure-Prägung kritisch glossierte[18], als Verkehrung typisch ist oder nicht, ob diese Zeitgeschichtler dazu „beamtet worden waren, die Tische der Herren zu verteidigen“[19] oder nicht.

Für die repressivideologische Herrschaftsverteidigungsfunktion führender deutscher Zeitgeschichtler gibt es allerdings manifesten Augenschein – nicht nur was die kriminell begründete Akademikerkarriere von Hans Mommsen (*1930) betrifft. Sondern auch mit Blick auf dessen Standesgenossen und/als politikberatende, inzwischen teilweise emeritierte, Lehrstuhlprofessoren wie (die hier nicht weiter interessierenden Eberhard Jäckel als Armenozid/Genozidleugner und H. August Winkler als quellenarmen Geschichtsschreiber der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik) Klaus Hildebrand (*1941) und Wolfgang Benz (*1941).

Hans Mommsen galt nicht nur in den 1990er Jahren als „grand old historian“ (SZ: 24.1.1995). Sondern wurde auch noch in den letzten Jahren öffentlich ausgelobt als “weltweit führender NS-Experte” (Die Welt: 8.2.2006) und als einer der profiliertesten Kenner des Nationalsozialismus (FR: 16.8.2006). Mommsen wurde auch von Linksjournalisten als “Doyen” der deutschen Geschichtswissenschaft hofiert (Informationen zur deutschen Außenpolitik: 6.4.2005)[20].

Aus Gründen hätte dieser Mommsen weder wissenschaftlich reüssieren noch Ende der 1960er Jahre auf den (zweiten) Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der neugegründeten Ruhr-Universität Bochum in Nordrhein-Westfalen berufen werden dürfen. Auch wenn einerseits bis heute ungeklärt ist, ob Mommsen, behutsam formuliert, im Zusammenhang mit der Reichstagsbranddebatte in der ersten Hälfte der 1960er Jahre mindestens zwei Dokumente „erfand, die es nicht gab“[21] oder auch nicht und wenn andererseits Mommsens, noch behutsamer formuliert, „wissenschaftliches Fehlverhalten“ als Strafrechtstatbestand seit 1969 verjährt ist – Mommsen veranlaßte durch sein „unehrliches Verhalten“, so behutsamst Bundes(verwaltungs)richter Dieter Deiseroth im Bericht an die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) 2004, „durch rechtlich falsche Darstellungen […] die Verhinderung der Publikation der Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit“[22] des Autors Hans Schneider 1962/63. Und publizierte dann selbst 1964 den Leitbeitrag zum „Reichstagsbrand und seine[n] politischen Folgen“[23]. Zweitens war es Mommsen, dessen Lexikonbeitrag zu Ferdinand Lassalle (1825-1864) einen identischen Text zum einen, entsprechend seines damaligen politischen Gusto, als „kommunistisch“ und zum anderen als „nichtkommunistisch“ vorstellte. Und der damit nicht nur zeigte, daß er weder die Dissertationsschrift (1929/30) noch ihre Veröffentlichung in Buchform (1931) gelesen haben konnte. Sondern darüber hinaus auch die schon damals, 1969, seit fünfzehn bzw. fünf Jahren publizierten Hinweise von Erich Matthias und Wolfgang Abendroth nicht kannte. Beide hatten schon 1954 und 1964 die Identität desselben „kommunistischen“ und „nichtkommunistischen“ Autors öffentlich aufgeklärt.[24] Drittens war es derselbe Mommsen, der 1983 in antimoralischer Verkehrung der Humansubstanz aller europäischer Aufklärung die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ in den Zusammenhang utopischer Visionen stellte.[25] Entgegen dieser von Mommsen in die Welt gesetzten stupid-antimoralischen Verkehrung hatten und haben genozidale Handlungen jedoch nichts mit "Utopie" zu tun. Im Gegenteil: Die sich Nationalsozialisten nennenden führenden deutschen Faschisten vertraten als mordbefehlende Spießer keine utopischen Visionen. Sondern eine destruktive Ideologie oder Vernichtungs-Dystopie als diametrales Gegenstück zu jeder Utopie: Taking-Lives-policy war und ist das antagonistische Gegenteil lebensrettender Saving-Lives-policy.[26]

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