Die 10 wichtigsten Mythen, die im Jahr 2010 über Afghanistan verbreitet wurden

Der US-Historiker Juan Cole, der sich hauptsächlich mit dem Mittleren Osten beschäftigt, konfrontiert zehn der Mythen, die 2010 über Afghanistan verbreitet wurden, mit den Fakten und kommt zu ganz anderen Ergebnissen.

Von Juan Cole – Informed COMMENT
Übersetzung von Wolfgang Jung

10. "Es hat bedeutende Fortschritte bei der Bekämpfung des Aufstandes in Afghanistan gegeben."

  • Fakten: Nach einer neuen National Intelligence Estimate (einer neuen Einschätzung der US-Geheimdienste), an der 16 US-Geheimdiensten beteiligt waren, hat es keinerlei Fortschritte gegeben. Die Geheimdienste haben sogar davor gewarnt, dass große Gebiete des Landes in die Hände der Taliban zu fallen drohen, die immer noch über sichere Schlupfwinkel in Pakistan verfügten, weil die Pakistanische Regierung ihr Komplize sei (s. http://www.latimes.com ). Nach Angaben der Vereinten Nationen hat der Afghanistan-Krieg in den ersten 10 Monaten des Jahres 2010 mehr als 6000 Zivilisten das Leben gekostet (s. http://ca.reuters.com ); das ist – verglichen mit der gleichen Periode im Jahr 2009 – eine Zunahme um 20 Prozent. Außerdem wurden in diesem Jahr 701 US-und NATO-Soldaten getötet, während es im letzten Jahr nur 521 waren; das ist sogar eine Zunahme um 25 Prozent (s. http://www. theglobeandmail.com ). 2010 gab es im Monat durchschnittlich 1.000 Angriffe der afghanischen Aufständischen, häufig doppelt so viele pro Monat wie 2009 (s. http://www.juancole.com ); die Situation erinnert an den Guerilla-Krieg im Irak im Jahr 2005.

9. Die Afghanen wollen, dass die US-und NATO-Truppen in ihrem Land bleiben, weil sie sich von ihnen beschützt fühlen.

  • Fakten: Nach einer erst kürzlich durchgeführten Umfrage glauben nur 36 Prozent der Afghanen, dass ihnen die US-Truppen Sicherheit verschaffen könnten. Nur 32 Prozent bewerten die US-Hilfeleistungen für ihr Land insgesamt positiv.
    Attitudes Toward the U.S.

8. Die Truppenverstärkungen und die gezielten Luftangriffe werden die Taliban an den Verhandlungstisch zwingen.

  • Fakten: Der einzige angeblich hohe Talibanführer, der in Gesprächen mit US-Vertretern vorgab, die Nummer 2 hinter dem Talibanchef Mulla Omar zu sein, wurde als Schwindler und Betrüger entlarvt.

7. Die Anwesenheit der US-Truppen in Afghanistan ist durch die Anschläge am 11. September (2001) gerechtfertigt.

  • Fakten: Eine Umfrage in den Provinzen Helmand und Kandahar hat ergeben, dass 92 Prozent der männlichen Einwohner noch nie etwas von den Anschlägen am 11.9. gehört haben. (s. http://www.juancole.com und als Zusatzinformation http://www.luftpost-kl.de )

6. Die Afghanen wollen die US-Truppen trotz ihrer Unzufriedenheit in ihrem Land behalten.

  • Fakten: Nach einer Umfrage wollen 55 Prozent der Afghanen, dass sich die USA ganz aus ihrem Land zurückziehen, und der Prozentsatz der Afghanen, welche die Angriffe der Taliban auf die NATO-Truppen befürworten, ist von 9 Prozent im Jahr 2009 auf 27 Prozent im Jahr 2010 angestiegen! (s. http://www.globalpost.com und http://www.bbc.co.uk )

5. Die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen im Jahr 2009 und der Parlamentswahlen im Jahr 2010 waren glaubwürdig und haben die Legitimation der afghanischen Regierung gestärkt. (s. http://www.rferl.org)

  • Fakten: Karzai ist durch Wahlbetrug Präsident geworden (s. http://www.reuters.com ), und auch die Parlamentswahlen wurden durch Betrügereien verfälscht. Bei den Parlamentswahlen im Herbst 2010 musste ein Viertel der Stimmzettel wegen versuchten Wahlbetrugs aussortiert werden, und 10 Prozent der "siegreichen" Kandidaten wurden wegen erwiesener Unregelmäßigkeiten nicht als gewählte Abgeordnete anerkannt. (s. http://law.hukuki.net )

4. Präsident Hamid Karzai ist ein "Schlüsselverbündeter" der USA.

  • Fakten: Karzai hat wiederholt gedroht, sich mit den Taliban zu verbünden (s. http://www.juancole.com ). Er hat auch zugegeben, jährlich 2 Millionen Dollar aus dem Iran zu erhalten (Infos dazu s. http://www.juancole.com ). Dafür soll er Nordkorea für ein Dreierbündnis gewinnen.

3. Der schiitische Iran bewaffnet die fanatischen sunnitischen Taliban in Afghanistan, obwohl diese die Schiiten hassen.

  • Fakten: US-Verteidigungsminister Robert M. Gates teilte dem italienischem Außenminister Franco Frattini im Februar letzten Jahres mit, "dass nach Geheimdienstinformationen nur wenig militärisches Material die Grenze zwischen Afghanistan und dem Iran überquert". Das geht aus einem von WikiLeaks veröffentlichten Dokument hervor. (s. http://www.juancole.com )

2. Für die in Afghanistan weit verbreitete Korruption sind vor allem Ausländer verantwortlich. (Das WALL STREET JOURNAL hat darüber berichtet.)

  • Fakten: In den großen Korruptionsfällen führt die Spur meistens in den Kreis der Personen um den Präsidenten Karzai. Vertraute Karzais trieben eine große Kabuler Bank mit ihren Betrügereien in den Bankrott, den dann die (afghanischen) Regierung durch hohe Ausgleichszahlungen verhindern musste (s. http://www.juancole.com ). Ein bedeutender Teil der Medikamente im Wert von 42 Millionen Dollar, die 2010 von den USA für die medizinische Betreuung afghanischer Soldaten zur Verfügung gestellt wurden, ist verschwunden, und der dafür Verantwortliche, den Karzai ernannt hatte, ist gerade erst entlassen worden (s. dazu http://www.google.com ). US-Offizielle beschuldigen den Bruder Karzais, in illegale Geschäfte in Kandahar verwickelt und am Drogenhandel beteiligt gewesen zu sein (s. http://www. indianexpress.com ).

1. Die US-Truppen sind in Afghanistan, um Al-Qaida zu bekämpfen.

  • Fakten: CIA-Direktor Leon Panetta gab zu, dass es nur noch 50 bis 100 Al-Qaida-Kämpfer in Afghanistan gibt! (Weitere Informationen dazu enthält ein Artikel der WASHINGTON POST.) Die US-Truppen kämpfen hauptsächlich mit zwei ehemaligen Verbündeten aus den Reihen der Mudschaheddin, die Ronald Reagan als "Freiheitskämpfer" und "Nacheiferer der Gründerväter der USA" feierte. Es handelt es sich um Gulbuddin Hekmatyar mit seinen Hizb-i Islami, und Dschalaluddin Haqqani mit seinem Haqqani-Netzwerk. Diese beiden Organisationen, die vom US-Kongress Milliarden Dollars erhielten, damit sie in den 1980er Jahren die Sowjets bekämpften, sind jetzt gefährlicher und wichtiger als die ‘Alten Taliban’ unter Mulla Omar. Beide Gruppen bestehen aus nationalistischen muslimischen Paschtunen (die vor allem die ausländischen Truppen aus ihrem Land vertreiben wollen); es handelt sich nicht um erbitterte Feinde der USA (die vorhaben unser Land anzugreifen), weil wir ja früher mit ihnen verbündet waren und sie unterstützt haben. Hekmatyar hat sich sogar klar von Al-Qaida distanziert.

(Wir haben die Gegenüberstellung, die keines Kommentars bedarf, mit Ergänzungen und zusätzlichen Links in Klammern und Hervorhebungen versehen. Information über Professor Juan Cole sind aufzurufen unter http://en.wikipedia.org/wiki/Juan_Cole und http://de.wikipedia.org/wiki/Juan_Cole .)


Quellennachweis: Luftpost, Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein. http://www.luftpost-kl.de. Kommentar in kursiv und Anmerkungen in Klammern wurden vom Verfasser eingefügt.


Ramsteiner Appell: Angriffskriege sind verfassungswidrig – von deutschem Boden darf kein Krieg ausgehen!

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