Terror auf einem Hilfsschiff: Der Tod von Aktivisten war geplant, um weitere Konvois abzuschrecken
Von Jonathan Cook – GLOBAL RESEARCH
Übersetzt von Wolfgang Jung
NAZARETH – Eine arabische Abgeordnete des israelischen Parlaments, die an Bord der internationalen Hilfsflotte war, die am Montag angegriffen wurde, weil sie versuchte, humanitäre Hilfe nach Gaza zu bringen, beschuldigte gestern Israel, die Friedensaktivisten vorsätzlich getötet zu haben, um zukünftige Konvois abzuschrecken.
Haneen Zoubi sagte, israelische Kriegsschiffe hätten die "Mavi Marmara", das Flaggschiff der Hilfsflotte eingekreist und schon einige Minuten, bevor sich Kommandotruppen von einem Hubschrauber direkt über ihr abseilten, das Feuer auf sie eröffnet.
Abgeordnete Haneen Zoubi
(Foto: Google)
Entsetzte Passagiere seien durch Bespritzen mit starken Wasserstrahlen unter Deck gezwungen worden. Sie erklärte, sie habe weder Provokationen noch Widerstandshandlungen von Passagieren bemerkt, die alle unbewaffnet gewesen seien.
Sie fügte hinzu, wenige Minuten nach dem Überfall seien bereits drei Tote in den Hauptraum auf dem Oberdeck gebracht worden, in den sie und die meisten anderen Passagiere eingesperrt worden waren. Zwei hatten Kopfschüsse, die nach ihrer Meinung von Exekutionen stammten.
Zwei andere Passagiere verbluteten in dem Raum langsam zu Tode, obwohl Frau Zoubi eine schriftliche Botschaft in israelischer Sprache gegen ein Fenster hielt, mit der sie die israelischen Soldaten um ärztliche Hilfe bat, um die Schwerverletzten zu retten. Sie habe sieben weitere Passagiere gesehen, die schwer verwundet waren.
"Israel hatte tagelang Zeit, um diese Militäroperation zu planen," erklärte sie auf einer Pressekonferenz in Nazareth. "Es wollte viele Tote, um uns zu terrorisieren und die Botschaft zu verbreiten, dass keine weiteren Hilfskonvois versuchen sollten, die Blockade Gazas zu durchbrechen."
Gestern Morgen sei sie von der Polizei freigelassen worden, anscheinend wegen ihrer parlamentarischen Immunität. Sie wolle (über das Geschehene) sprechen, denn die meisten der Hunderte von Friedensaktivisten würden entweder von Israel deportiert oder eingesperrt.
Drei andere führende Personen der großen palästinensischen arabischen Minderheit Israels, darunter auch Scheich Raed Salah, ein führender Geistlicher, wurden verhaftet, als ihre (gekaperten) Schiffe in dem israelischen Hafen Aschdod ankamen. Rechtsanwälte bestätigten, dass sie nach israelischem Recht bis zu 30 Tage ohne Anklage festgehalten und verhört werden können.
Israelischen Aussagen widersprechend, erklärte Frau Zoubi, die israelischen Soldaten hätten, als sie die "Mavi Marmara" unter ihre Kontrolle gebracht hatten und durchsuchten, keine Schusswaffen oder sonstige Waffen gefunden.
Es sei unverzichtbar, dass die Welt eine unabhängige Untersuchung unter Aufsicht der UNO durchsetze, um herauszufinden, was wirklich auf dem Schiff passiert sei; Israel dürfe nicht erlaubt werden, sich mit einer vom eigenen Militär durchgeführten Untersuchung "reinzuwaschen".
Während Frau Zoubi redete, befolgten die Palästinenser in Israel und in den besetzten Gebieten den Generalstreik, den ihre Anführer ausgerufen hatten. Das High Follow-Up Committee, das höchste politische Gremium der palästinensischen Bürger Israels (s. http://en.wikipedia.org/wiki/High_Follow-Up_Committee_ for_Arab_Citizens_of_Israel ) bezeichnete den Überfall auf die Hilfsflotte in einer Stellungnahme als "staatlich unterstützten Terrorismus".
Die Demonstrationen und Protestmärsche in den meisten palästinensischen Gemeinden und Dörfern in Israel verliefen ruhig. Lokale Analysten beschrieben die Stimmung als wütend, aber zurückhaltend, nicht zuletzt wegen des offen feindlichen Klimas, dem die palästinensischen Bürger seit der Niederschlagung ihrer Proteste während des israelischen Angriffs auf Gaza vor 18 Monaten ausgesetzt sind.
Die Polizei war jedoch in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden und hatte Tausende zusätzlicher Polizisten in den Norden Israels entsandt, wo die meisten palästinensischen Bürger leben.
Am Montag kam es in der Nähe der Al-Aqsa-Moschee in der Altstadt Jerusalems und in der im Norden des Landes gelegenen Stadt Umm Al Fahm zu Zusammenstößen zwischen Protestierenden und der Polizei, als falsche Gerüchte aufkamen, Scheich Salah, der Kopf der wichtigsten islamischen Bewegung Israels, sei bei der israelischen Marineoperation getötet worden.
Sogar schon vor dem Überfall war die palästinensische Minderheit Israels – immerhin ein Fünftel der Bevölkerung – von der Regierung und der jüdischen Mehrheit wegen der Anwesenheit ihrer Anführer auf der Hilfsflotte unter Druck gesetzt worden. Als die Schiffe ausliefen, stellte Ynet, Israels populärste Nachrichten-Website, die Frage, ob Frau Zoubi eine "Abgeordnete im Dienst der Hamas" sei.
Wegen der heftigen diplomatischen Reaktion auf die Ermordung der Friedensaktivisten durch israelische Soldaten befürchten die Anführer der Palästinenser in Israel, dass sie in den kommenden Tagen noch stärker in die Kritik geraten werden.
Gestern starteten Rechtsparteien ihre ersten Angriffe auf Frau Zoubi und verlangten die Aufhebung ihrer Immunität und ihren Ausschluss aus dem Parlament. Danny Danon, ein Mitglied der Likud-Partei des Premierministers Benjamin Netanjahu, forderte, sie wegen "Landesverrats" anzuklagen.
In ihrer Stellungnahme zu dem Überfall sagte Frau Zoubi, das Hilfsschiff, auf dem sie sich befand, sei am Montagmorgen gegen 4 Uhr von mindestens 14 israelischen Kriegsschiffen 130 km vor der Küste in internationalem Gewässern eingekreist worden.
Sie erklärte, der Krach und die Verwirrung, die entstand, als sich die Kommandos auf das Schiff abseilten, hätten große Angst unter der Passagieren hervorgerufen. "Ich glaubte nicht, dass wir den Überfall länger als fünf Minuten überleben würden," ergänzte sie.
Taleb Al Sana, ein anderer arabischer Abgeordneter (des israelischen Parlaments), bestätigte die Aussage der Frau Zoubi, dass die Behauptung, die israelischen Soldaten hätten nur auf die Beine der Passagiere geschossen, falsch sei. "Ich habe die Verwundeten im Krankenhaus besucht, und sie haben alle Schusswunden am Kopf und am Körper," sagte er.
Adalah, ein Zentrum für die Rechte der arabischen Minderheit Israels (s. http://www.adalah.org/eng/index.php ), teilte mit, dass gestern Nachmittag neun Rechtsanwälte beschränkten Zugang zu den Hunderten von Aktivisten erhielten, die in der im Süden gelegenen Stadt Be’er Sheva inhaftiert wurden, und "unter sehr schwierigen Bedingungen" versuchten, Zeugenaussagen aufzunehmen.
Die Adalah-Rechtsanwälte und Menschenrechtsgruppen wollten auch herausfinden, wie viele Menschen verletzt wurden, und wo sie behandelt werden.
"Nach unserer Ansicht versucht Israel absichtlich, unsere Arbeit zu behindern und eine Informationssperre durchzusetzen," teilte Gaby Rubin, eine Adalah-Sprecherin mit.
Jonathan Cook ist ein britischer Autor und Journalist, der in der israelischen Stadt Nazareth arbeitet. Seine letzten Bücher sind “Israel and the Clash of Civilisations: Iraq, Iran and the Plan to Remake the Middle East” (Israel und der Zusammenstoß der Zivilisationen: Der Irak, der Iran und der Plan, den Mittleren Osten umzubauen), erschienen bei Pluto Press, und “Disappearing Palestine: Israel’s Experiments in Human Despair” (Die Zerstörung Palästinas: Israels Experimente mit der menschlichen Verzweiflung), erschienen bei Zed Books. Seine Website ist www.jkcook.net.
Eine Version dieses Artikels wurde zuerst in THE NATIONAL ( www.thenational.ae ) abgedruckt, der in Abu Dhabi erscheint.
(Wir haben die Stellungnahme des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu und den Artikel mit den Äußerungen der Augenzeugin und Abgeordneten Haneen Zoubi zum Überfall der israelischen Marine auf die Hilfsflotte für Gaza komplett übersetzt und mit wenigen Ergänzungen und Links in Klammern versehen. Die Beurteilung des Wahrheitsgehalt der beiden Aussagen überlassen wir unseren Lesern.)
Quellennachweis: Luftpost, Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein. http://www.luftpost-kl.de. Kommentar in kursiv und Anmerkungen in Klammern wurden vom Verfasser eingefügt.
Ramsteiner Appell: Angriffskriege sind verfassungswidrig – von deutschem Boden darf kein Krieg ausgehen!
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» Von Wolfgang Jung (57) am Dienstag, 8. Juni 2010, 21:35 Uhr
» read: 18229 · today: 6 · last: 16. Mai 2012
» Kategorien: Krieg und Frieden, Naher Osten
» Tags: Blockade | Free Gaza | Gaza Friedensflotte | Humanitäre Hilfe | Israel | Luftpost | Mord | Palaestina | Terrorismus | Völkerrechtsverletzung
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am Donnerstag, 10. Juni 2010 11:06
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am Mittwoch, 16. Juni 2010 18:01
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