Haitianische Bauern planen die Verbrennung von Monsantos Hybridsaat

Von Beverly BELL
Übersetzt von Susanne Schuster. Herausgegeben von Fausto Giudice – Tlaxcala

„Ein neues Erdbeben“ – so nannte der Kleinbauernanführer Chavannes Jean-Baptiste der Bauernbewegung Papay (Mouvman Peyizan Papay, MPP) die Nachricht, dass Monsanto 60 000 Säcke (475 Tonnen) Hybridsaat für Mais und Gemüse – zum Teil mit hochgiftigen Pestiziden behandelt – spenden wird. Die MPP plant, Monsantos Saatgut zu verbrennen und hat zu einer Demonstration gegen die Aktivitäten des Unternehmens in Haiti am 4. Juni, zum Weltumwelttag, aufgerufen.

In einem offenen Brief vom 14. Mai nannte Chavannes Jean-Baptiste, Geschäftsführer der MPP und Sprecher der Nationalen Bauernbewegung des Papay-Kongresses (MPNKP), die Ankunft von Monsantos Saatgut in Haiti „einen sehr heftigen Angriff auf kleinbäuerliche Landwirtschaft, auf Bauern, auf Biodiversität, auf kreolisches Saatgut … und auf das, was von unserer Umwelt in Haiti noch übrig ist“. (1) Haitianische soziale Bewegungen haben ihrer Opposition gegen den Import von Saatgut und Lebensmitteln von Agrarunternehmen, welche die lokale Produktion mit einheimischem Saatgut unterminiert, lautstark Ausdruck verliehen. Sie haben eine besondere Besorgnis über den Import von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) ausgedrückt.

Da es kein Gesetz gibt, das den Einsatz von GVO in Haiti regelt, hat das Landwirtschaftsministerium Monsantos Angebot, gentechnisch verändertes Roundup Ready Saatgut zu spenden, fürs erste abgelehnt. Ein Vertreter von Monsanto versicherte dem Landwirtschaftsministerium in einem E-Mail-Austausch, dass das gespendete Saatgut nicht gentechnisch verändert sei.

In einer E-Mail im April nannte Elizabeth Vancil, Monsantos Direktorin für Entwicklungsinitiativen, die Nachricht, dass das haitianische Landwirtschaftsministerium die Spende genehmigte, „ein fabelhaftes Ostergeschenk“. (2) Monsanto ist bekannt dafür, Saatgut, vor allem gentechnisch verändertes, im globalen Norden wie im Süden aggressiv zu vermarkten, auch durch sehr restriktive Technologievereinbarungen mit Landwirten, denen nicht immer klar gemacht wird, was genau sie da unterschreiben. Laut Interviews mit Vertretern von mexikanischen Kleinbauernorganisationen, durchgeführt von der Verfasserin dieses Artikels, stellen sie dann fest, dass sie dazu gezwungen sind, jedes Jahr Saatgut von Monsanto zu kaufen, unter belastenden Bedingungen und manchmal unerschwinglichen Kosten.

Die von Monsanto an Haiti gespendete Hybridmaissaat ist mit dem Fungizid Maxim XO behandelt und die Tomatensaat Calypso ist mit Thiram behandelt. (3) Thiram gehört zu einer hochgiftigen Klasse von Chemikalien mit der Bezeichnung Ethylenbisdithiocarbamate (EBDC). Die Ergebnisse von Tests mit EBDC an Mäusen und Ratten riefen Bedenken bei der US-Umweltschutzagentur (EPA) hervor, die daraufhin eine Sonderüberprüfung in Auftrag gab. Die EPA bestimmte, dass die mit EBDC behandelten Pflanzen für landwirtschaftliche Arbeiter so gefährlich sind, dass sie beim Umgang mit diesen Pflanzen eine spezielle Schutzkleidung tragen müssen. Nach der Regelung der EPA müssen Pestizide, die Thiram enthalten, ein spezielles Warnetikett enthalten. Die EPA untersagte darüber hinaus die Vermarktung der Chemikalien für viele Produkte für Haus und Garten, weil sie davon ausgeht, dass viele Hobbygärtner nicht die passende Schutzkleidung haben. (4) Die beiläufige Erwähnung von Thiram in einer E-Mail von Monsanto an Beamte des Landwirtschaftsministeriums enthielt weder eine Erläuterung zu den Gefahren, noch ein Angebot von spezieller Schutzkleidung oder einer Schulung im Umgang mit dem giftigen Saatgut.

Jonas Deronzil
Jonas Deronzil aus Verrettes ist seit 1974 Landwirt.
Sein mageres Einkommen aus dem Anbau von Mais, Reis und Bohnen ist wie bei vielen Kleinbauern Haitis durch die neue Konkurrenz von Monsanto gefährdet. Foto: Beverly Bell

Haitis soziale Bewegungen sorgen sich nicht nur über die von den Chemikalien ausgehenden Gefahren und die Möglichkeit zukünftiger Importe von GVO. Sie sagen, dass die Zukunft Haitis von lokaler Produktion mit lokalen Nahrungsmitteln für den lokalen Konsum abhängt – man nennt dies Ernährungssouveränität. Monsantos Ankunft in Haiti stellt ihren Aussagen zufolge eine weitere Bedrohung für diese Souveränität dar.

„Die Menschen in den USA müssen uns dabei helfen, zu produzieren, anstatt uns Essen und Saatgut zu geben. Sie ruinieren damit unsere Möglichkeiten, uns selbst zu versorgen“, sagte der Landwirt Jonas Deronzil von einer bäuerlichen Genossenschaft in der ländlichen Region Verrettes. (5)

Monsantos Aktivitäten entfachen seit langem den Zorn von Umweltschützern, Gesundheitsbefürwortern und Kleinbauern; es begann damit, als die Firma während des Vietnamkrieges Agent Orange herstellte. Die Belastung mit Agent Orange hat bei zahllosen US-Kriegsveteranen Krebs hervorgerufen und laut der vietnamesischen Regierung wurden 400 000 Vietnamesen durch Agent Orange getötet oder davon körperlich behindert und 500 000 Kinder wurden infolge der chemischen Belastung mit Geburtsschäden geboren. (6)

Monsantos früheres Motto „Ohne Chemikalien wäre kein Leben an sich möglich“ wurde durch „Imagine“ ersetzt. Auf ihrer Webseite heißt es, dass die Firma „Landwirte auf der ganzen Welt dabei unterstützt, mehr zu produzieren und zugleich die Umwelt zu schonen. Wir unterstützen Landwirte dabei, Erträge nachhaltig zu steigern – für eine erfolgreiche Produktion gesünderer Nahrungsmittel … und dabei gleichzeitig die Auswirkungen der Landwirtschaft auf unsere Umwelt zu reduzieren.“ (7) Diese Behauptungen werden von den Tatsachen nicht gestützt.

Zusammen mit Syngenta, Dupont und Bayer kontrolliert Monsanto inzwischen mehr als die Hälfte des weltweiten Saatguts. (8) Die Firma besitzt fast 650 Saatgut-Patente, die meisten davon für Baumwolle, Mais und Soja, und hat fast 30 Prozent Anteil des Gesamtkapitals in der Biotechnologie-Forschung und -Entwicklung. Monsanto hat diese enorme Angebotsmacht erreicht durch den Aufkauf von wichtigen Saatgutfirmen, um den Wettbewerb zu ersticken, durch das Patentieren von gentechnischen Veränderungen bei Pflanzensorten und durch Klagen gegen Kleinbauern. Monsanto ist darüber hinaus einer der führenden Hersteller von GVO.

Bis 2007 hatte Monsanto 112 Klagen gegen US-Landwirte für angebliche Verletzungen von Technologieverträgen im Hinblick auf GVO-Patente eingereicht; davon betroffen waren 372 Landwirte und 49 kleine landwirtschaftliche Firmen in 27 verschiedenen Bundesstaaten. Monsanto wurde mehr als 21,5 Millionen US-Dollar durch Urteile zugesprochen. Nach Schätzungen auf der Basis von Monsantos eigenen Dokumenten und Medienberichten scheint das multinationale Unternehmen gegen 500 Landwirte pro Jahr zu ermitteln. (9)

„Landwirte sind verklagt worden, nachdem ihr Feld durch Pollen oder Saat von der gentechnisch veränderten Ernte eines anderen Landwirten verunreinigt wurde oder gentechnisch veränderte Saat von der Ernte des Vorjahres auf Feldern, die im folgenden Jahr mit gentechnisch nicht veränderten Sorten bepflanzt wurden, aufkeimte, oder ‘unwillkürlich aufging’“, sagten Andrew Kimbrell und Joseph Mendelson des Zentrums für Lebensmittelsicherheit. (10)

In Kolumbien erhielt Monsanto über 25 Millionen US-Dollar von der US-Regierung für die Bereitstellung von Roundup Ultra zur Besprühung aus der Luft im Antidrogenkampf. Roundup Ultra ist eine hochkonzentrierte Version des Monsanto-Herbizids Glyphosat, dem zusätzliche Inhaltsstoffe zugefügt wurden, um seine tödliche Wirkung zu verstärken. Kolumbianische Gemeinschaften und Menschenrechtsorganisationen haben angeprangert, dass das Herbizid Ernteerzeugnisse, Wasserquellen und Naturschutzgebiete zerstört und zu einem höheren Auftreten von Missbildungen bei Neugeborenen und Krebserkrankungen geführt hat.

Via Campesina, der weltweit größte Zusammenschluss von Bauern mit Mitgliedsorganisationen in mehr als 60 Ländern, bezeichnete Monsanto als einen der „Hauptfeinde der kleinbäuerlichen nachhaltigen Landwirtschaft und Ernährungssouveränität für alle Völker“. (11) Die Bewegung ist davon überzeugt, dass Monsanto und andere multinationale Unternehmen die Kontrolle über einen immer größeren Anteil an Boden und Landwirtschaft haben und dadurch Kleinbauern von ihrem Land und ihren Jobs verdrängen. Desweiteren vertritt sie den Standpunkt, dass die riesigen Agrarunternehmen zum Klimawandel und anderen Umweltkatastrophen beitragen, ein Auswuchs der industriellen Landwirtschaft. (12)

Die Via Campesina-Koalition lancierte am 16. Oktober 2009, dem Welternährungstag, eine weltweite Kampagne gegen Monsanto, mit Protestaktionen, Landbesetzungen und Hungerstreiks in mehr als 20 Ländern. Am 17. April dieses Jahres, zu Ehren des Tages der Erde, veranstaltete sie den zweiten weltweiten Aktionstag gegen Monsanto.

Auch in den USA wehren sich Nichtregierungsorganisationen gegen Monsantos Praktiken. In der von der Organic Consumers Association (Bio-Konsumentenverein) eingeführten Kampagne „Millionen gegen Monsanto“ wird die Firma dazu aufgerufen, die Einschüchterung kleiner Familienbetriebe zu beenden, die Vermarktung nicht getesteter und nicht gekennzeichneter genmanipulierter Lebensmittel an Konsumenten zu stoppen und der Subventionierung von GVO-Erzeugnissen mit Milliarden US-Dollar an Steuergeldern ein Ende zu setzen. (13)

Das Zentrum für Lebensmittelsicherheit ist der Kläger in einem vierjährigen Rechtsverfahren gegen Monsanto, das kürzlich an den obersten Gerichtshof der USA gegangen ist. Nach der erfolgreichen Klage gegen Monsanto und das US-Landwirtschaftsministerium für die illegale Vermarktung von Roundup Ready Alfalfa fand am 27. April eine mündliche Verhandlung über die Rechtssache des Center for Food Safety statt. Nun wartet man auf eine Entscheidung des US Supreme Court in der allerersten Klage zu GVO. (14)

„Der Kampf gegen gentechnisch verändertes und Hybridsaatgut ist für die Erhaltung unserer Artenvielfalt und Landwirtschaft von kritischer Bedeutung“, sagte Jean-Baptiste in einem Interview im Februar. „Wir haben das Potenzial, auf unserem Land genügend anzubauen, um die gesamte Bevölkerung zu ernähren und bestimmte Erzeugnisse sogar zu exportieren. Dies kann nur mit einer Politik der Ernährungssouveränität verwirklicht werden, der zufolge ein Land das Recht hat, seine eigene Landwirtschaftspolitik zu bestimmen, zuerst die Familie zu ernähren, dann für den lokalen Marktes zu produzieren, und gesunde Nahrungsmittel im Einklang mit der Natur und Mutter Erde anzubauen.“

Vielen Dank an Moira Birss für ihre Unterstützung bei der Recherche und beim Schreiben.


Quellen

1. Sammel-E-Mail von Chavannes Jean-Baptiste, 14. Mai 2010.
2. E-Mail von Elizabeth Vancil an Emmanuel Prophete, Direktor für Saatgut beim haitischen Landwirtschaftsministerium und andere; freigegeben vom haitischen Landwirtschaftsministerium, Datum unbekannt.
3. a.a.O.
4. Extension Toxicology Network, Pesticide Information Project of the Cooperative Extension Offices of Cornell University, Michigan State University, Oregon State University und University of California at Davis.
5. Jonas Deronzils Kommentare stammen von einem Interview im April. Er hat sich nicht ausdrücklich auf Monsanto bezogen.
6. "MSNBC," 23. Januar 2004. "Study Finds Link Between Agent Orange, Cancer." The Globe and Mail, 12. Juni 2008. "Last Ghost of the Vietnam War."
7. www.monsanto.com
8. La Vía Campesina, "La Vía Campesina carries out Global Day of Action against Monsanto," 16. Oktober 2009.
9. Center for Food Safety, "Monsanto vs. US Farmers," November 2007.
10. Andrew Kimbrell und Joseph Mendelson, Center for Food Safety, "Monsanto vs. US Farmers," 2005.
11. La Vía Campesina, 16. Oktober 2009, Op. Cit.
12. La Vía Campesina, "La Vía Campesina Call to Action 17. April 2010 – Join the International Day of Peasant Struggle," 23. Februar 2010.
13. Organic Consumers Association, "Taxpayers Forced to Fund Monsanto’s Poisoning of Third World," Finland, Minnesota.
14. Center for Food Security, "Update: CFS Fighting Monsanto in the Supreme Court," 11. Mai 2010.


Quelle: Other Worlds-Haitian Farmers Commit to Burning Monsanto Hybrid Seeds
Originalartikel veröffentlicht am 17.5.2010
Über den Autor
Tlaxcala ist das internationale Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl die Autorin, die Übersetzerin, der Herausgeber als auch die Quelle genannt werden.
URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=10651&lg=de

Dieser Beitrag wurde unter Ausland, Landwirtschaft abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Haitianische Bauern planen die Verbrennung von Monsantos Hybridsaat

  1. Pingback: Tweets that mention Haitianische Bauern planen die Verbrennung von Monsantos Hybridsaat - SaarBreaker -- Topsy.com

  2. Pingback: WWF - Der Pakt mit dem Panda | yoice.net

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.