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"Inflation der Liebe"…? Hinweise zur Gewaltfrage

Von Richard Albrecht am Mittwoch, 3. Februar 2010, 21:15 Uhr

Von Richard Albrecht

Sicherlich gab es Gewalt von und gegen Menschen als Ausdruck zerstörerischer Aggression gegen und von Menschen in unterschiedlichen Formen und Herkünften schon immer. Und auch dumpfsinniges Schlagdrauf ist ebensowenig neu wie Ausbrüche von Berufskriminellen aus Verwahranstalten: Neu ist, daß im Deutschland der endneunziger Jahre einerseits rechtsextremistische Rollkommandos und andererseits – gelegentlich – professionelle Helfer mitmischen.

Neu erscheint mir im Deutschland dieser Jahre auch ein Trend zur – mit Blick auf Ort und Zeit kaum voraussagbaren, eruptiven und insofern auch vulkanisch ausbrechenden – Gewalt als unkontrollierbarem Verhalten: Sei´s gegen sich, sei´s gegen andere. Doch so sehr diese Ausbrüche irritieren und so schwer sie vor- auszusagen und zu ertragen sein mögen: Sie sind im gesellschaftlichen Geschehen selbst angelegt als Ausdruck jener "Momentpersönlichkeit", deren Umrisse A. Mitscherlich bereits Mitte der 60er Jahre ansprach: Ich-schwache, unsichere und zerrissene Menschen, die auf allgemeine Sozialtrends reagieren. Und ob
sie es wollen oder nicht: Diese zugleich verstärken. Entsprechende Zustände mangelnder sozialer Regungen nennen Sozialwissenschaftler, die diesen Namen verdienen, seit E. Durkheims Suicide-Studie Anomie: Mit Werte- und Normenverlust einhergehende Bindungslosigkeit ist in der Tat auch Ausdruck zeittypischer Individualisierung, Differenzierung und Pluralisierung. Und damit zugleich (und so paradox dies zunächst erscheinen mag) in unsere moderne soziale Welt grundsätzlich eingelagert: Jeder für sich ("Individualisierung"), das ganze Soziale undurchschaubar-verwirrend ("Differenzierung") und is-eh-alles-egal und bekanntlich relativ ("Pluralismus")

Dies ist der verhaltensleitend-mentalitäre Unterboden struktureller Gewalt von Menschen (in) dieser Gesellschaft. Und weil´s weder das Gewaltgen noch die Gewaltgene bei uns Menschen gibt – müssen wir damit leben, daß auch alle situativen, eruptiven und vulkanischen Gewalthandlungen Ausdrucksformen unseres eigenen menschlichen Gattungsvermögens sind: Von aufloderndem Hass und gnadenloser Selbst- und Fremdvernichtung als Kehrseite überbordend-grenzenloser Liebe, Spontaneität und Creativität:

"Das Gebot: Liebe deinen nächsten wie dich selbst" – schrieb Sigmund Freud 1929 – "ist undurchführbar; eine so großartige Inflation der Liebe kann nur deren Wert herabsetzen, nicht die Not beseitigen (…). Wenn jenes großartige Gebot lauten würde: Liebe deinen nächsten wie dein Nächster dich liebt" – so Freud folgerichtig -, "dann würde ich nicht widersprechen."

So gesehen ist der zu erkennende Zusammenhang von neuer deutscher Gewalt ("Fidschis aufmischen is´ echt geil, eh´ ") und scheinbar politischer ("Liebe euch doch alle") wie scheinbar unpolitischer ("hat Euch alle lieb"; "…und sie lieben mich doch alle") dabei jeweils enttäuschter Liebe eben kein Zufall. Vielmehr ein sich wechselseitig bedingender und Gewalthandlungen beeinflussender grundsätzlicher Zusammenhang. Auf den es gerade aus der Sicht jeder dialektisch-kulturanalytischen Sozialpsychologie als Subjektwissenschaft von, (wie auch immer) handelnden und/oder unterlassenden oder/und duldenden Menschen aufmerksam zu machen gilt … nicht zuletzt, um alle Folgen von eigenen oder fremden Schädigungen umso wirksamer – auch praktisch – eingrenzen zu können. Und dies sicherlich nicht nur, aber auch dadurch, um gerade bei Gewalttätern so affektiv überfrachtete wie emotional enttäuschte Gefühle von Liebe nicht in Form zerstörerischer Gewaltakte auflodern zu lassen. Sondern sie in alltags-praktisch lebbare Massstäbe übertragen zu helfen.

In diesem – wie ich meine auch präzisen – Sinn ist jede Psychologie der Gewalt praktisch herausgefordert.


Dieser Text erschien zuerst unterm Titel „Gewalt – und kein Ende?“ als Editorial in Der Allgemeinarzt, 17/1998: 1597, und 2002 im Netz / online auf meiner damaligen Autorenseite (http://web.archive.org/web/20031221145409/www.richard-albrecht.de/kurztexte/wissenschaftlich/kt_w_01.htm)

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Korrespondenzadresse des Autors: dr.richard.albrecht [klaffe] gmx.net

Richard Albrecht Copyleft 2010

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