Wohnen wie Gott in Frankreich
Von Arno Hirsch
Vorwort
In meinem Artikel möchte ich über Obdachlose und über die Menschen in miserablen Wohnverhältnissen berichten. Ich beziehe mich dabei auf die Situation in Frankreich, da in Deutschland die Situation zu verschleiert ist. Die Zahlen in beiden Ländern sind annähernd identisch. In Deutschland ist es schwierig sich einen realitätsnahen Überblick zu verschaffen. Die Medien hierzulande haben eine Vorstellung von den Verhältnissen, daraufhin werden die Berichte verfasst, die Interviews geschnitten, so das dieses vorgefertigte Bild bestätigt wird. Das sind keine brauchbaren Quellen um sich eine Vorstellung von der Situation zu machen. Die meisten Organisationen sind caritative Gruppen mit einem meist religiösen Hintergrund. Ich möchte deren Arbeit nicht klein reden, aber mich interessieren mehr die politisch aktiveren Bedingungen. Darum orientiere ich mich mehr an französischen Verhältnissen.
Die Obdachlosen
In Frankreich gibt es zwischen 86 000 und 400 000 Obdachlose oder wie man in Frankreich sagt: "sans domicile fixe" kurz SDF. Die Zahlen differieren sehr stark, das hängt damit zusammen, das die einen die Zahlen möglichst klein angeben, um das Problem klein zu reden. Es gibt auch Gruppen die sprechen von 1 Million Obdachlosen, doch das scheint mir etwas zu hoch gegriffen.
Etwa 30% der Obdachlosen gehen in Frankreich einer bezahlten Beschäftigung nach und 63% erhalten RMI (revenu minimum d’insertion), so heißt in Frankreich die Sozialhilfe. Bei uns ist die Quote deutlich niedriger, da die bürokratischen Hürden und die damit verbundenen Drangsalierungen ungleich größer sind. In Frankreich erhält der Bedürftige etwa 400 Euro im Monat, wenn er sonst keine Einkünfte hat. Das ist ein deutlicher Vorteil gegenüber deutschen Obdachlosen. Leicht verfällt man auf den Gedanken, ein Obdachloser habe den ganzen Tag Zeit und könne sich Tag für Tag beim Sozialamt um das bisschen Taschengeld bemühen, dem ist aber nicht so. Ein Obdachloser ist immer gezwungen sich zu bewegen. Geld beschaffen, Waschgelegenheit suchen, Essen beschaffen, Toilette suchen, nach besseren und alternativen Plätzen Ausschau halten und und und. Ihr Lagerplatz ist auch oft außerhalb der Stadt und Busse und Bahnen sind oft zu teuer.
Etwa 10% der Obdachlosen sind Jugendliche. Die Gründe sind vielfältig. Aber auch das Sozialsystem mit seinen Leistungsanforderungen trägt dazu bei, das ein Verlassen des Elternhauses direkt in die Obdachlosigkeit führt. Dabei geraten eine nicht unerhebliche Menge dieser Jugendlichen in die Prostitution. Die psychischen Folgen dieser Art der Geldbeschaffung zerstört ihr Leben bevor es richtig begonnen hat. Einige davon werden auch Opfer von Pädophilen, die sich in diesen Kreisen mit Frischfleisch für ihre krankhafte Perversion versorgen.
Überhaupt sind psychische Probleme der Punkt, wo sich Unmenschlichkeit am stärksten zeigt. 35% aller Obdachlosen leiden an psychischen Problemen, zum Teil unerträglich schwer. Mir ist es nicht möglich mich in diese Not hinein zu versetzen. Denn von der Not zu lesen und die Not am eigenen Körper zu erleben, dazwischen liegen Welten.
Vor ein paar Jahren habe ich unfreiwillig mit dem Leben der Obdachlosen Bekanntschaft gemacht. Als ich abends spät von Paris nach Hause fahren wollte, musste ich mit Entsetzen feststellen, das der letzte Zug bereits abgefahren war. Kurzerhand stieg ich in einen Zug nach Metz, wo ich um 1 Uhr nachts eintraf. Der Anschlusszug auf den ich hoffte, war aber ausschließlich für das französische Militär reserviert. Das hieß dann für mich 5 Stunden warten. Da es sehr kalt war, den es war gerade Anfang Januar, schaute ich mich nach den Warteräumen um. Doch fast alle waren mit Schlafenden und Halbschlafenden besetzt. Nur auf Gleis 1 war noch Platz. Warum dieser Raum nicht so stark belegt war, wurde mir erst später bewusst. Zu jener Zeit hat man die Aufenthaltsräume offen gelassen, damit die Obdachlosen in der Kälte nicht erfrieren. Jeder, der den Raum betrat, wurde von einer kleinen Gruppe 2-3 Jungen und einem Mädchen drangsaliert. Man spürte deutlich die Aggression. Ich muss wohl einen schlimmen Eindruck gemacht haben, so hat man sehr bald das Interesse an mir verloren. Und so habe ich diese Nacht, indem ich mich schlafend gestellt habe, als Alptraum in Erinnerung behalten. Wohl gemerkt es waren nur diese Jugendlichen, die all die anderen drangsaliert haben. Es ist nichts passiert in dieser Nacht, aber trotzdem konnte ich die Gegebenheit nicht vergessen.
Auch diese Drangsalierungen sind psychischer Druck unter dem Obdachlose leiden. Natürlich gibt es noch weitere Gründe, die das seelische Leiden verursachen. Doch das meiste wäre vermeidbar, hätten diese Menschen nur eine Perspektive.
Laut Angaben es "Institut national de la statistique et des études éconamiques" (INSEE) trinken im Durchschnitt weniger Obdachlose regelmäßig Alkohol als der Durchschnitt der französischen Gesamtbevölkerung. All zu gern, ist man geneigt, sich das Klischee vom Clochard mit der Rotweinflasche in der Hand und dem Baguette unterm Arm hinzugeben, aber diese Neigung entspringt dem Bestreben sich der Verantwortung zu entziehen. Wir sollten das nicht tun und uns zur Unwissenheit bekennen. Allerdings ist Alkohol, sind Drogen ein großes Problem, besonders um den 5. jeden Monats, wenn die Sozialhilfe ausgezahlt wird.
Die Drogen, Alkohol, die Kälte, überhaupt die ungesunde Lebensweise ruiniert deren Existenz. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 43 Jahren. Und fast täglich werden Tote bei ihren Lagerstätten aufgefunden. Früher haben sich die Präfekturen um die Toten gekümmert und man hat diese anonym begraben. Heute kümmern sich Organisationen wie "Collectif les Morts de la Rue" um die Opfer. Sie begleitet die in den Straßen gestorbenen Obdachlosen zu ihrer letzten Ruhe, um ihnen einen würdevollen Abschied zu bereiten.
Noch 2006 im Dezember bekundete Nicolas Sarkozy "In 2 Jahren muss niemand mehr auf der Straße leben und niemand mehr an den Folgen der Kälte sterben". Heute fast 3 Jahre später ist immer noch nichts passiert, ganz im Gegenteil, die Situation hat sich noch zugespitzt. Soviel zur Glaubwürdigkeit der Politik. Frankreich ist gerade dabei seinen Sozialstaat abzubauen. Das ganze nennt man dann "Revolution der Sozialsysteme". Im ersten Schritt wurde im Juli 2009 RSA (Revenu de Solidarité active) eingeführt, dafür hat man den Direktor von Emmaus zum "Hohen Kommissar für die aktiven Solidaritäten gegen Armut" ernannt. Fördern und Fordern, doch dahinter verbirgt sich eine Mogelpackung. Ein Überwachungssystem gepaart mit einem Kombilohnmodell. Der Trend in Richtung Workfare ist deutlich auszumachen. Man wird sehen müssen, was das für die Ärmsten und Obdachlosen bedeutet.
Etwas glaubwürdiger war die Forderung von Jacques Chirac im Dezember 2006 "das einklagbare Recht auf Wohnraum" das im Februar 2007 vom Parlament verabschiedet wurde. Das geschah jedoch nicht aus Nächstenliebe, sondern auf Druck der Öffentlichkeit. Doch sieht die Realität leider schlechter aus. Recht haben und Recht bekommen sind 2 paar Schuhe. Man hat ein paar Übernachtungs-möglichkeiten geschaffen und verweist darauf, das diese noch Kapazitäten frei haben. Ich persönlich habe das Gesetz etwas anders interpretiert und so wie ich wohl auch jeder andere.
Menschen in ungeeigneten Unterkünften
In Frankreich leben etwa 3 500 000 Menschen in widrigen oft gesundheits-gefährdenden Wohnungen. Zu kleine Wohnungen, defekte Installationen, defekte Heizungen, Schimmel, massive Lärmbelästigung, gewalttätiges Umfeld usw. Es fehlt an geeignetem Wohnraum. Laut Le Monde fehlen 150 000 Wohnungen. Die Obdachlosen-Vereinigung Emmaus hält die Zahlen für stark untertrieben. In Frankreich wird fast alles über Makler abgewickelt und Eigentümer fordern oft auch noch eine Kaution. Die Vermieter verlangen meist einen Einkommensbescheid, worin bescheinigt wird, das das Einkommen das 3-fache der Miete übersteigt. Bedenkt man dabei, das die Hälfte der Bevölkerung bis maximal 1500 Euro verdient, so zeigt sich deutlich wo das Problem liegt. Doch auch die nicht so gut betuchte Klientel findet seine Anbieter, doch meist noch zusätzlich überteuert oder in einem elenden Zustand.
Der durchschnittliche Mietzins liegt in Paris über 20 Euro pro Quadratmeter, dieser Zins kann aber auch wesentlich höher liegen. Es gilt die Regel, je kleiner der Raum desto höher der Quadratmeterpreis. 10 Quadratmeter für 500 Euro sind durchaus kein Einzelfall.
Diesem Problem hat sich die Organisation "Jeudi-Noir" gewidmet. Donnerstag (Jeudi) kommen die Kleinanzeigen mit Wohnungsangeboten heraus. Das ist meist ein schwarzer (noir) Tag für die Wohnungssuchenden. Bei Jeudi-Noir handelt es sich um eine Gruppe sehr junger Leute, die mit spektakulären Aktionen gegen den völlig entarteten Wohnungsmarkt angehen. Alle Aktionen werden dokumentiert und stehen im Internet bereit. Sie stört vor allem die Spekulationen um Wohnraum, wobei zu den verlangten Mieten kaum noch ein Gegenwert besteht. Sie gehen bis an die Grenzen der Legalität um die Öffentlichkeit auf die Probleme aufmerksam zu machen. Auch kleine Aktionen, die das Ansinnen der Mieter ins lächerliche ziehen, werden veranstaltet.
Die Wohnraumsituation in Deutschland sieht natürlich besser aus, aber der Trend, die Privatisierung und Geldgier, ist deutlich gegen die arme Bevölkerung gerichtet.
Organisationen wie "Associations Emmaüs" haben sich der Bekämpfung der Armut und dem Elend durch gesellschaftlichen Ausschluss gewidmet.
"La Fondation Abbé Pierre" kämpft gegen schlechte Wohnbedingungen. Der streitbare Gründer Abbé Pierre hatte sein ganzes Leben dem Kampf um die menschliche Not gewidmet. "Im Mittelpunkt steht das menschliche" war seine Devise. Für ihn waren die rein caritativen Ambitionen zu wenig, er hat sich direkt an die Politik gewandt. Wenn er auch das Fortschreiten der Not nicht verhindern konnte, hatte er doch die Menschen sensibilisiert für das Elend in ihrer Mitte. Und ich denke, es ist auch ihm zu verdanken, das man in Frankreich die Menschen in Not nicht so stark stigmatisiert, wie man das in Deutschland tut.
2006 wurde die Organisation "Les Enfants de Don Quichotte" gegründet. Ihre Ziele sind die Verteidigung der Rechte von Menschen in ungeeigneten Wohnverhältnissen. Diese Organisation versucht mit medienwirksamen Aktionen auf die Probleme vor allem von Wohnungslosen aber auch von Menschen in schlechten Wohnungen aufmerksam zu machen. Im Februar 2007 campierten 280 Obdachlose am Canal St. Martin einer malerischen Flaniermeile im Norden von Paris. Vor allem die Fußgängerbrücken aus Eisen, haben es den Spaziergängern, vor allem Touristen, angetan. Doch in jenem Februar wurde die Idylle gestört. Rote und grüne Zelte wurden an der Uferpromenade zusammen mit Tischen und Stühlen aufgestellt. Die Obdachlosen zelebrierten vor den Augen der Öffentlichkeit ihr Lagerleben. Im Anschluss war noch ein Zeltlager am Place de la Concorde geplant. Diese Demonstration wurde aber von der Polizei vereitelt.
Viele Aktionen folgten. Im Februar 2008 trafen sich 10 000 Menschen am Place de la République in Paris zur Nacht der Solidarität für das Recht der Wohnung (Nuit solidarité pour le logement). Auch vom 16. März bis 15. Mai 2009 fanden in ganz Frankreich Demonstationen statt, wo an öffentlichen Plätzen Zeltlager eingerichtet wurden. Obdachlose und Nichtobdachlose, Junge und Alte haben zusammen in Zelten logiert. Nicht immer verliefen die Aktionen störungsfrei.
Was neu und bemerkenswert ist, das bei les enfants de Don Quichotte auch die Betroffenen selbst zu Wort kommen. Wer sich über die Situation und die Menschen informieren möchte, findet auf deren Seiten reichhaltige und vor allen die Würde der Betroffenen achtende Quellen.
Die Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland
Die aktuellen Tendenzen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nehmen eine deutlich falsche Richtung. Abschaffung oder Reduzierung von Sozialtransferleistungen, Einführung von Workfare ähnlichen Modellen (wie Zwangsarbeit) sind der falsche Weg. In Frankreich mehr noch als bei uns. Franzosen reagieren oft sehr spontan und oft auch in Wutausbrüchen, wo leicht auch etwas kaputt gehen kann. Siehe französische Revolution, Unruhen in den Banlineues, die sich immer wieder neu entfachen, Krawalle in Strasbourg dieses Jahr als Präsident Obama, Kanzlerin Merkel und Co. großer Bahnhof feierten, ….
Der Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland ist auffällig. Der Graben zwischen Arm und Reich ist zwar nicht so markant wie in Deutschland, aber die Not ist in Frankreich größer noch als bei uns. In Frankreich liegt das Durchschnittseinkommen bei 1500 Euro, bei uns bei 2200 Euro. In Deutschland gibt es nicht diese starke Ghettobildung wie in Frankreich. Die Banlieues von gigantischen Ausmassen wuchern in allen französischen Großstätten von der Peripherie heraus. Auch in mehr ländlichen Gegenden, vor allem im Norden (Le Nord) und in Lothringen gibt es Siedlungen von Sozialbautenkolonien, worin kulturelle Entfaltung unmöglich ist. Der Trend in diese Richtung ist auch bei uns zu beobachten, hat aber bei weitem nicht diese unmenschlichen Ausmaße wie in Frankreich.
Aber anders als in Deutschland ist in Frankreich das Bewusstsein für die Realität, für die realen Verhältnisse der Menschen in schlechten Wohnverhältnissen besser. Man träumt nicht so viel, man ist sich der Wirklichkeit gegenüber bewusster. Es ist dort leichter als bei uns Solidarität zu erfahren für die sozialen Belange. In Frankreich nennt man das Brüderlichkeit, was wir mit Solidarität bezeichnen und das zeigt schon die menschlichere Nähe, allein schon in der Begrifflichkeit. Auch der Begriff Humanität ist durchaus in Frankreich geläufiger als in Deutschland. Bei uns ist der Begriff zum Fremdwort geworden.
In Deutschland werden die Opfer zu Tätern gemacht, indem man ihnen die Schuld an ihrer Misere vorwirft. Das hat natürlich den Vorteil, das man sich nicht für deren Belange einzusetzen braucht. Überhaupt schadet es der eigenen Karriere, wenn man sich politisch engagiert. Natürlich gibt es so etwas auch in Frankreich, doch bei weitem nicht so massiv.
Das politische Engagement in Frankreich ist nicht sehr groß, aber in dessen Mittelpunkt stehen die sozialen Probleme der Menschen. Dort entfacht sich der Unwille der Öffentlichkeit. Man streitet um Arbeitsplätze, gegen Wohnungsnot, für die Rechte von Obdachlosen und gegen die Ausgrenzung ganzer Gesellschafts-gruppen. Dabei kommt es zwar oft zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Aber man weiß dort, wer der Feind ist. Bei uns findet diese Auseinandersetzung kaum statt. Wer streitet für die Belange der Ärmsten in unserer Gesellschaft? Warum ist Stigmatisierung von Minderheiten in unserem Land so hoch? Bei uns wird der Streit oft am Gartenzaun geführt, in Frankreich ist diese Kleinbürgerlichkeit eher selten.
Nicht, das es die Solidarität bei uns nicht gäbe, aber sie ist nicht so verwurzelt, es sind oft Einzelkämpfer und zersplitterte Gruppen, die für eine bessere Zukunft streiten. Obwohl die Armut in Frankreich größer als in Deutschland ist, ist man uns dort, in punkto Menschlichkeit, zwei Schritte voraus. Nicht in der Politik, sondern in der gegenseitigen Achtung und brüderlichen Anteilnahme.
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» Von Arno Hirsch (12) am Sonntag, 13. September 2009, 19:15 Uhr
» read: 6009 · today: 4 · last: 15. März 2010
» Kategorien: Gesellschaft
» Tags: Armut, Deutschland, Frankreich, Gesellschaft, Obdachlosigkeit, Politik, Solitaritaet
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am Dienstag, 15. September 2009 00:15
[...] ist vieles nicht nachvollziehbar, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Hier findet sich ein Interessanter Beitrag über Obdachlosigkeit, Solidarität, Humanismus und [...]
am Mittwoch, 16. September 2009 18:30
[...] von zwischenmenschlicher Solidarität unverzichtbar ist, doch etwas tiefer zu graben und auch andere Informationsquellen zu nutzen, um sich über die tatsächlichen Hintergründe, Ursachen und Fakten schlau zu machen. [...]