Vom Puma zum Bombodrom : Ein argentinischer Blick auf die deutsche Kriegspolitik

Von Osvaldo Bayer
Übersetzt von Zeit-Fragen

Wenn man in Deutschland lebt, nimmt man leicht nicht mehr wahr, dass das eigene Land Krieg führt gegen eines der ärmsten Länder der Welt, Afghanistan, und mitten in der tiefsten Wirtschaftskrise weiterhin Geld in die Rüstung steckt, als ob es nicht ganz andere Probleme zu lösen gäbe. Ganz abgesehen von der Schändlichkeit dieses Krieges, die im Ausland sehr wohl als solche wahrgenommen wird.

Der Blickwinkel aus einem anderen Land, unverstellt von der hiesigen Medienberieselung, kann hier sehr heilsam sein. Der argentinische Journalist und Schriftsteller Osvaldo Bayer bereiste in diesem Sommer Europa. Sein Artikel «Vom Puma zum Bombodrom» erschien am 18.7.2009 in der grossen argentinischen Tageszeitung «Pagina 12». Auszüge aus diesem Artikel werden in deutscher Übersetzung abgedruckt -GL, Zeit-Fragen.

Ja, der Kolonialismus hinterlässt immer noch seine Spuren. Auch wenn wir es nicht wollen, so glauben wir doch, vom Absurden zum Rationalen zu kommen, wenn wir nach Europa reisen. Oder um es auf eine mildere Art zu sagen, literarisch, wir kommen von García Márquez und Juan Rulfo zu Kant und Descartes. Der Leser möge sich also meine Verwirrung vorstellen, als ich an meinem ersten Morgen in Europa in der Tageszeitung «Generalanzeiger» von Bonn auf den folgenden Titel stiess: «Milliarden für Waffen». Ich konnte es nicht glauben. Ja, es ist so: «Das deutsche Parlament hat Milliarden Euro für die Aufrüstung des Heeres bewilligt. Darin enthalten sind 3,1 Milliarden Euro für den Kauf von 405 neuen Puma-Kampfpanzern.»

Der Mensch hat nichts gelernt, denke ich wieder einmal, allein schon wenn man die riesige Menge an Opfern betrachtet. Millionen von jungen Menschen im letzten Weltkrieg gestorben, für nichts, absolut nichts. Nichts als Ruinen, Hunger, Demütigungen. Und jetzt 3 Milliarden für Panzer. Das sogenannte menschliche Wesen. Ein Land mit mehr als 100 Universitäten und Schriftstellern wie Erich Maria Remarque, sein «Im Westen nichts Neues», wo alles gesagt ist über die Philosophie der Waffen, das grösste Produkt menschlicher Dummheit. Ich lese noch einmal. Die Meldung ist auf dem Titel der Zeitung und als wichtigste Meldung im Bereich «Wirtschaft» abgedruckt. Wirtschaft … ich kann nur noch sarkastisch lächeln. Der Verteidigungsminister, der Christdemokrat Franz-Josef Jung – ich wiederhole, Christdemokrat, Mitglied einer christdemokratisch-sozialdemokratischen Regierung. Dies letzte schreibe ich mit einem gewissen Zweifel und einer Prise Ironie. Dieser Herr sagte die folgenden bedeutsamen Worte: «Ich hoffe und wünsche, dass die deutsche Waffenindustrie den Vertrag erfüllt und die Puma-Panzer nach Afghanistan geschickt werden können.»

Also sogar nach Afghanistan. Und eine neue Frage bestürmt mich: «Was hat Deutschland in Afghanistan zu suchen? Die Antwort ist: Es war eine Abmachung mit den USA während der Bush-Ära. (Damit ist, glaube ich, alles gesagt). […]

Am folgenden Tag geht die Hauptschlagzeile in eine ähnliche Richtung: Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit Der «Tapferkeitsorden» wird an vier deutsche Soldaten verliehen, die im Afghanistan-Einsatz sind. Ja, ein neuer Orden, der von seiner Form her an das Eiserne Kreuz erinnert, die berühmte deutsche Auszeichnung, die von Kaiser Friedrich Wilhelm III. 1813 geschaffen wurde während des Kriegs gegen Napoleon für die Soldaten, die «Tapferkeit gegen den Feind» zeigten. Das Eiserne Kreuz wurde auch verliehen im Krieg gegen Frankreich 1870, im Weltkrieg 1914–1918 und von Hitler im Krieg von 1939. Die Auszeichnung wurde jetzt von der Bundeskanzlerin Angela Merkel (Frau und Christdemokratin, glaube ich) verliehen, die zum Ausdruck gab, «dass eine Armee, die im Einsatz ist, eine solche Auszeichnung benötigt». Der Erlass zur Schaffung des «Ehrenkreuzes für Tapferkeit» – wie es sich heute nennt – wird verliehen für «Taten, die ausserordentliche Tapferkeit bei der Pflichterfüllung beweisen». Und mein Pessimismus steigerte sich, ich lief schon Gefahr, in eine Depression zu fallen, als der Briefträger – ja, es gibt sie noch – mir am folgenden Morgen einen Briefumschlag mit einem Katalog überbrachte mit den Euro Tops an Geschenk- und Sammelideen auf 70 Seiten. Auf der Titelseite tatsächlich ein Miniaturpanzer mit dem netten Begleittext: «Übernehmen Sie das Kommando über den legendären Kampfpanzer Tiger 1, jetzt mit Infrarot-Kampffunktion.»

Ich kann es nicht glauben. Aber es ist alles erklärt. Es würde zuviel Platz beanspruchen, alle Funktionen dieses «Kampfpanzers zum Sammeln», die im Katalog beschrieben sind, aufzuführen. Auch wenn es ein unvergleichliches Zeugnis unserer Zeit ist. Hier die wichtigsten Sätze: «Alles hört auf Ihr Kommando! Sie können den Panzer Tiger 1 kommandieren, der dem Tiger 1 mit Radarkontrolle absolut detailgetreu nachgebaut ist! […] Ein Spielzeug, das gross und klein begeistert! […] (Auslassung weiterer Details der Kanonen).

Panzer-IV-F1

Aber lassen wir die Spielzeuge. In der «Frankfurter Rundschau» vom 13. Juli las ich nämlich den folgenden Titel: «Pistolen und Revolver sind der neue Exportschlager». Und im Text: «Der legale Export und Import von Kleinwaffen wie Pistolen, Revolvern aber auch Gewehren hat sich in den letzten 6 Jahren um 653 Millionen Dollar gesteigert. Das Gesamtvolumen des Handels mit Schusswaffen und der dazugehörigen Munition erhöht sich damit auf 1,6 Milliarden Dollar. Wenn man den Schwarzhandel mit einbezieht, schätzt man das Volumen auf 6 Milliarden Dollar. Fast die Hälfte des legalen Handels wird mit den USA betrieben. Danach kommen Italien, Deutschland, Brasilien und Österreich. Italien durch den Verkauf von Sportwaffen, Österreich mit dem Verkauf von Pistolen. China hat seine Waffenexporte seit 2000 verzwanzigfacht. Russ-land ist in der Aufstellung nicht berücksichtigt, da keine Zahlen herausgegeben wurden. Der Gewinn aus Waffenverkäufen hat sich in den letzten sechs Jahren verdoppelt.

Es reicht. Wenn wir die letzten Zahlen über hungernde Kinder und über Völker, die Opfer von Gewalt sind, ständig auf der Flucht sind, damit vergleichen würden, könnten wir nicht mehr verstehen, in welche Richtung der Mensch eigentlich geht. Nehmen wir nur die letzten Zahlen der Weltbank, allein das schon. Nach ihrer letzte Prognose könnten dieses Jahr 400000 Kinder auf Grund der aktuellen Krise verfrüht sterben.

Bombodrom-Schild

Aber es ist nicht alles so. Es gibt auch diejenigen, die reagieren. Die von unten. Einen Tag später, eine andere Meldung. Eine, die uns nicht alle Hoffnung aufgeben lässt. Die wahre Demokratie, die von unten gemacht wird, auf der Strasse. Das deutsche Verteidigungsministerium gab sein grosses Projekt «Bombodrom» auf, 80km von Berlin entfernt. Dort hatte man auf einem ausgedehnten Gebiet begonnen, das sogenannte «Bombodrom» zu errichten, wo die Luftwaffe Bombenabwürfe und -angriffe trainieren wollte. Aber die Leute dieser Region taten etwas. Zuerst die Frauen, die begannen, auf die Strasse zu gehen mit der Initiative «Freie Heide». Keine Militärübungen und schon gar nicht aus der Luft. Es waren viele Jahre Kampf der Leute dort, Landbesetzungen, Widerstand gegen alle Vereinnahmungsversuche der Regierung. Nein. Hier nicht. Der Kampf dauerte nicht weniger als 17 Jahre. Schliesslich teilte das Verteidigungsministerium in frostigem Ton mit, dass man das Projekt aufgegeben habe. Und dann folgten die Volksfeste, eins nach dem anderen. Das Volk hat gewonnen. Die Einheimischen. Ohne Waffen. Mit körperlichem und verbalem Einsatz. Nein zu den Bomben. Das Bombodrom wird jetzt Weizen tragen, Obstbäume, Vögel, Natur, Farben, Kinderspielplätze. Genug der Worte. Hoffentlich findet dies alles weit herum Nachahmer. Ohne Colts, ohne Panzer, auch nicht als Spielzeug. Wenn ich nach Berlin komme, werde ich Blumen auf das Grab von Erich Maria Remarque legen, dem überzeugten Pazifisten, und heute werde ich die Bücher von Kant an meinen Lieblingsplatz in meiner Bibliothek stellen; das zum «Ewigen Frieden».


Quelle: Contratapa in Página12, Buenos Aires-Del “Puma” al “Bombodrom”
Originalartikel veröffentlicht am 18.7.2009
Quelel dieser Übersetzung: Zeit-Fragen
Über den Autor
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