Plädoyer für eine hochentwickelte Streitkultur
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| Streitkultur |
Von Redaktion | Mein Parteibuch Blog | Hier im Parteibuch werden seit Jahren gesellschaftliche Missstände und politische Fehlentwicklungen unter den herrschenden Verhältnissen mit scharfen direkten Worten, einem kräftigen Schuss Polemik und reichlich sarkastischer Ironie angegangen.
So manch einer mag sich gefragt haben, warum Mein Parteibuch sich nicht daran macht, ein konstruktives politisches Manifest zu entwerfen, das all das, was hier im Parteibuch in den letzten Jahren an gesellschaftlichen Missständen aufgezeigt wurde, in ein politisches Programm zur Behebung der Missstände und zur Verbesserung der real existierenden Zustände transferiert. Auch wird es dem einen oder anderen aufgefallen sein, dass das Parteibuch sich nicht in die zahlreichen politischen Bewegungen gegen die herrschenden Verhältnisse, seien es – ohne sie beim Namen zu nennen – Parteien, Gewerkschaften oder Bürgervereinigungen eingebracht hat. Das möchten wir an dieser Stelle mal erläutern.
Der Zusammenhalt einer jeden sozialen Bewegung ist unserer Meinung nach ein gemeinsames Verständnis von der Welt. Am Aufbau eines unabhängigen Nachrichtensystems, dass Grundlage für dieses gemeinsame Verständnis der Welt ist, arbeiten wir beim Parteibuch Tag und Nacht. So gesehen bilden wir also den Kern einer “Parteibuch-Bewegung” zur Änderung der herrschenden Verhältnisse, die in andere Bewegungen hineinwirkt.
Wir sind jedoch der Meinung, dass es bei der Entstehung der festumrissenen neuen Bewegungen zur Änderung der herrschenden Verhältnisse, die wir in jüngster Zeit gesehen haben, bisher noch an wichtigen Voraussetzungen fehlt: so zum Beispiel an einer breit und klar genug gefassten Wertebasis, die in ein gemeinsames Zielsystem transformiert werden kann, und – noch wichtiger – an einem breit getragenen Konsens vom Umgang miteinander, der nicht zuletzt auch die Ausformulierung der gemeinsamen Wertebasis erst möglich macht.
Damit eine Bewegung Kraft bekommt, muss sie eine bestimmte Größe erreichen. Glücklicherweise wachsen sympathische, offene Bewegungen mit gut funktionierenden Nachrichtensystemen praktisch von selbst. Doch mit der Größe wachsen auch die Probleme und es rächt sich später, wenn an die Probleme nicht rechtzeitig gedacht wurde. So bekommt jede politische und gesellschaftliche Bewegung ab einer gewissen Größe das Problem, dass sich darin Menschen mit unterschiedlichen, zum Teil sehr konträren Ansichten versammeln.
Das liegt zum einen daran, dass es natürlich ist, dass Menschen unterschiedliche Ansichten haben. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass, wenn eine Bewegung sich gegen herrschende Verhältnisse richtet, eben diese Herrscher über die herrschenden Verhältnisse das nicht gut finden und Menschen in die Bewegung schicken, die den Auftrag haben, die Bewegung durch Verdrehen der Ziele in ein Instrument der Herrscher zu transferieren, durch Streitereien zu lähmen, die Bewegung durch den Zielen widersprechende oder die Positionen verfälschende Äußerungen zu diskreditieren und durch Spaltung zu schwächen und letztlich zu zerstören.
Diese Menschen, die wir im folgenden vereinfachend Zerstörer nennen werden, zu erkennen ist nicht leicht, da sie ihren zerstörerischen Auftrag selbstverständlich geheimhalten. Ihre zerstörerische Tätgikeit bringt jedoch auch trotz eines sehr geschickten Vorgehens der Zerstörer Anhaltspunkte mit sich, an denen diese Menschen zu erkennen sind. So zeichnen sich Zerstörer zwangsläufig durch einen starken Drang aus, innerhalb der Bewegung in eine Führungsfunktionen oder eine andere einflussreiche Position zu kommen. Das ergibt sich daraus, dass ohne Führungsposition das zerstörerische Wirken nicht entfaltet werden kann.
Insbesondere an der Wahl der Mittel dabei lassen sich dabei Rückschlüsse ziehen, denn um mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit nach oben zu kommen, müssen sie die Mittel der Herrschenden nutzen. Neben dem, dass sie für ihren zerstörerischen Auftrag oft gut ausgestattet sind mit Geld und freier Zeit, bedienen sich Zerstörer häufig der Medien der Herrscher oder der Justiz der Herrscher, um innerhalb einer kritischen Bewegung schnell nach oben zu kommen.
Die eigene herausgehobene Position erzielen Zerstörer oft dadurch, dass zufällig gerade ihr Engagement in den Medien der Herrscher Erwähnung findet, obwohl sonst die Bewegung von den Medien der Herrscher entweder ignoriert oder völlig niedergemacht wird. Mitstreiter der Bewegung, die den Zerstörern im Weg stehen, werden gern durch Drohungen mit der Einschaltung der Justiz der Herrschenden mundtot gemacht und Positionen innerhalb der Bewegung durch die Einschaltung der Justiz der Herrschenden auf juristischem Weg erklommen. Diese objektiven Merkmale können da sein, müssen aber nicht da sein. Vorsicht ist angebraht, denn falsche Verdächtigungen helfen der Bewegung nciht weiter.
Die Pflicht, nach oben an die Spitze der Bewegung zu kommen, liefert jedoch noch einen weiteren Anhaltspunkt, um Zerstörer zu erkennen. Der starke Drang nach oben zu kommen, äußert sich auf der Verhaltensebene nahezu zwangsläufig durch Dominanzgehabe, das anderen Mitstreitern klarmachen soll, dass sie es beim Zerstörer mit einem Alphatier zu tun haben, dem man besser gehorcht und nicht widerspricht.
Dabei hat der Zerstörer einen Vorteil: während ehrlichen Mitstreiter der Bewegung in Auseinandersetzungen auf das Wohlergehen der Bewegung Rücksicht nehmen, braucht der Zerstörer dies nicht. Wird die Bewegung auf dem Weg eines Zerstörers nach oben zerstört, hat er sein eigentliches Ziel erreicht.
Diesse Schema der Zerstörung sozialer Bewegungen gegen die herrschenden Verhältnisse glückt fast immer. Es fehlt sozialen Bewegungen regelmäßig an effektiven Gegenstrategien, um die Zerstörung der Bewegung durch Zerstörer zu verhindern. Rückblickend sehen die Menschen, die sich engagiert haben, dann meist einige Personen, die sich unmöglich verhalten haben, die die Bewegung zerstört haben.
Wer sich einmal in einer Bewegung engagiert hat, und erkannt hat, dass die Bewegung mit Streitereien zerstört wurde und sein eigenes Engagement dadurch entwertet wurde, der hat meist keine Lust mehr, sich nochmal für die Änderung der herrschenden Verhältnisse zu engagieren. Wenn doch, dann erfolgt die Abschreckung spätestens durch den nächsten Versuch, bei dem das bereits bekannte Schema der zerstörerischen Streitereien im Prinzip wieder zu erkennen ist. Die Herrscher haben eigentlich engagierte Menschen damit genau da, wo sie sie haben wolen: in Lethargie.
Wir glauben, das Problem der Zerstörung durch Streitereien lässt sich letztlich nur durch das Bewusstsein von möglichst vielen Einzelnen lösen, wie den Mechanismen der Zerstörung entgegengewirkt werden kann. Dieses Bewusstsein, zu dem unbedingt auch gehört, dass zahlreiche im Auftrag der Herrschenden handelnde Zerstörer unterwegs sind, könnte man beispielsweise Kultur nennen.
Neben dem Erkennen und der Ächtung von groben Fouls wie der Drohung von juristischen Schritten – also den Rückgriff auf die Ressourcen der Klassenjustiz der Herrschenden – gegen Mitstreiter oder der Denunziation von Mitstreitern in den Medien der Herrschenden – im Parteibuch wird dazu meist vereinfachend der Begriff Milliardärpresse gebraucht – denken wir, dass in der gemeinsamen Kultur die Umgangsformen miteinander besondere Beachtung verdienen. Einen alten Vorschlag für die Umgangsformen miteinander gibt es übrigens im Parteibuch Wiki – schade, dass das bislang nicht aufgegriffen und weiterentwickelt wurde.
Dies gilt umso mehr im Fall von Meinungsverschiedenheiten untereinander. In der deutschen Sprache gibt es dazu einen wunderbaren Begriff: Streitkultur. Hier ist ein kurzer Auszug aus dem lesenswerten gerade verlinkten Wikipedia-Artikel:
Eine konstruktive Streitkultur beinhaltet unter anderem folgende Elemente (Regeln für faires Streiten):
* Streit wird als normales Alltagsphänomen angesehen.
* Streit gilt als etwas grundsätzlich Erlaubtes.
* Streit unterhalb einer bestimmten Eskalationsstufe wird anders behandelt als jenseits dieser Eskalationsstufe.
* Die Austragung des Streits unterliegt intersubjektiv bekannten Fairness-Regeln.
* Alle Streitparteien haben Rechte, z.B. das Recht, den Streit auf später zu verschieben oder sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen.
* Streiten ist kein sportlicher Wettbewerb.
* Ein guter Streit endet mit einer Einigung und nicht mit dem Sieg der einen Partei über die andere.
* Nach Beilegung des Streits ist die Beziehung zwischen den Konfliktgegnern nicht nachhaltig gestört.
Wir glauben, nur ein breites Bewusstsein für eine hochentwickelte Streitkultur ist in der Lage, der Zerstörung von sozialen Bewegungen gegen die Herrschenden angemessen entgegen zu wirken.
Einerseits verhindert eine hochentwickelte Streitkultur, dass unterschiedliche Meinungen innerhalb der Bewegung, die bei der Bestimmung der Werte und deren Transformation in Programmatik und konkretes Handeln zwangsläufig entstehen, mehr als notwendig eskalieren und andererseits macht eine hochentwickelte Streitkultur nicht nur unbedacht agierenden Cholerikern, sondern auch gezielten Zerstörern ihre zerstörerische Arbeit schwer, wenn nicht gar unmöglich.
Wenn es ein breites Bewusstsein für eine hochentwickelte Streitkultur in einer gegen die herrschenden Verhältnisse gerichteten Bewegung gibt, dann funktionieren die Mittel der psychischen Dominanz der Alphatiere über ihre Mitstreiter nicht. Sie werden im Gegenteil als Zeichen für fehlende Streitkultur betrachtet werden.
Führend sollte in einer gegen die herrschenden Verhältnisse gerichteten Bewegung nicht sein, wer sich dominant verhält, sondern wer engagiert und irreversibel für die Ziele der Bewegung arbeitet. Kritik an der Arbeit von vermeintlichen oder tatsächlichen Zerstörern sollte sich demnach vor allem auf die Defizite in der Streitkultur und an der fehlenden Ausrichtung der Tätigkeit auf die Ziele der Bewegung beziehen.
Wenn die Kritik von einem breiten Konsens getragen ist, muss der Zerstörer sein Verhalten und seine Zielkoordinaten ändern, um die soziale Achtung der Bewegung – die sich beispielsweise darin manifestieren kann, dass im Umgang nicht mehr auf scharfe Mittel wie Spott, Polemik und Sarkasmus verzichtet wird – weiterhin zu erfahren. Wenn die Bewegung so organisiert ist, müssen Zerstörer also für die Ziele der Bewegung arbeiten, wenn sie die Autorität einer führenden Persönlichkeit wollen.
Damit jedoch kommen Zerstörer auf ihrem Weg nach oben in einen Widerspruch: sie müssen die Bewegung irreversibel voranbringen. Nur eine Bewegung, die durch ihre Kultur, die sich im Bewusstsein der Mitstreiter manifestiert, dazu geeignet ist, Zerstörer zum irreversiblen Voranbringen der Bewegung zu bringen, ist gegen die Sabotage durch Zerstörer immun. Ein Bewusstsein für eine hochentwickelte Streitkultur ist einer der Schlüssel dazu, das zu erreichen.
Es ist uns hier im Parteibuch deshalb ein besonderes Anliegen, neben dem Aufzeigen der krassen Missstände unter den herrschenden Verhältnissen ein Bewusstsein für eine hochentwickelte Streitkultur aufzubauen.
Quellennachweis für diesen Beitrag: Mein Parteibuch Blog
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