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Schwarz, schwärzer… eine Lidl-Chronik

Von Julie am Samstag, 11. April 2009, 7:33 Uhr

Von JulieMein Politik-Blog

Inzwischen warnen Verbraucherschützer bei Lidl mit EC-Karte und Pin-Geheimnummer zu zahlen, weil nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Kunden an der Kasse gefilmt werden.

Dass die Bespitzelung bei dem Discounter nicht erst seit den „Enthüllungen” von „Spiegel” und „Stern” bekannt waren, sondern schon fünf Jahre vorher, belegt eine Chronik, die Petra Arana für uns zusammengestellt hat. Es scheint so, dass immer erst die sog. Leitmedien einen Skandal aufgreifen müssen, damit daraus eine öffentliche Debatte entsteht. Das belegt einmal mehr, wie stark der Mainstream bei uns die Meinungsbildung prägt und bestimmt.

Januar 2004 bis Juli 2004: Bei Recherchen zum “Schwarz-Buch Lidl” der Gewerkschaft ver.di verdichtet sich die Annahme, dass der Discounter verdeckte Videoüberwachung gegen Beschäftigte einsetzt, zur Gewissheit. Mehr als ein Dutzend Zeugenaussagen aus allen Landesteilen bestätigen dieses Vorgehen sowie ein rigides, die Persönlichkeitsrechte verletzendes Kontrollsystem.

September 2004: Dem Discounter Lidl wird in Bielefeld der Negativpreis “Big Brother Award” verliehen. In der Laudatio werden auch die Ergebnisse der Schwarz-Buch-Recherchen zu Videoüberwachung und Kontrolle bei Lidl als Begründung aufgeführt.

Dezember 2004: Wenige Tage vor Veröffentlichung des “Schwarz-Buches Lidl” der Journalisten Andreas Hamann und Gudrun Giese, in dem ver.di die auf Einschüchterung, Druck und Personalknappheit basierenden Arbeitsbedingungen aufdeckt, räumt Lidl erstmalig Videoüberwachung ein: “Ebenfalls werden Video-Kameras – im übrigen vollkommen durch die Rechtsprechung abgedeckt – eingesetzt, allerdings erst, wenn ein absolut konkreter Verdacht gegen einzelne Mitarbeiter vorliegt”, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber dem ZDF (Frontal 21).

Januar 2005 bis Mai 2006: Bei Recherchen zum “Schwarz-Buch Lidl Europa” von ver.di stellt sich heraus, dass Videoüberwachung der Beschäftigten auch in anderen Länder Europas – besonderes krass in einem Lidl-Lager in Frankreich (Nantes) – zum Repertoire der Personalführung gehört.

Juni 2006: Erscheinen des “Schwarz-Buches Lidl Europa” (Andreas Hamann u.a.) Dort wird stellvertretend für andere Fälle, die mit Zeugenaussagen belegt sind, aus einem Spitzelprotokoll der Detektei HIS von 2004 zitiert. Es  stammt aus einer Flensburger Lidl-Filiale. Ein Originalzitat: “Herr D. erwartet von seiner Partnerin Nachwuchs und benötigt nach eigenen Angaben zurzeit viel Geld”. Überschrieben ist das entsprechende Kapitel mit “Verdeckte Videokameras und präzise Psychogramme”.

Juli 2006 bis März 2008: Nach Erscheinen dieses zweiten “Schwarz-Buches” stellen sich weitere Zeugen zur Verfügung, die Opfer einer verdeckten Videoüberwachung geworden waren. Mit einem weiteren internen Dokument kann belegt werden, dass die Firma HIS Sicherheitsdienst, die schon in Flensburg beauftragt war, Anfang 2006 auch in einer Filiale in Rheinland-Pfalz Miniaturspezialkameras eingesetzt hat.

In ihrer öffentlichen Kampagne für faire Arbeitsbedingungen bei Lidl macht die Gewerkschaft ver.di immer wieder auf Videoüberwachung, Betriebsratsfeindlichkeit und andere undemokratische Praktiken der Geschäftsführung aufmerksam.

März 2008: Der “stern” kann – in wesentlichen gestützt auf umfangreiche Dokumente einer von Lidl beauftragten Detektei – sowie eigene Recherchen (Malte Arnsperger/MarkusGrill) die Bespitzelung der Beschäftigten in über 200 Filialen nachweisen. Das führt später zu Bußgeldbescheiden gegen den Discounter in Höhe von 1,5 Millionen Euro.

April 2008: Lidl-Chef Klaus Gehrig erklärt in “Bild” zur Bespitzelung: “Wir haben davon nichts gewusst…” Das entspricht nicht der Wahrheit, denn die beiden Schwarz-Bücher von ver.di zu Lidl, in denen erstmals Videoüberwachung und rigide Kontrollen bei diesem Discounter aufgedeckt worden sind, liegen der Geschäftsführung in Neckarsulm seit 2004 bzw. 2006 vor.

April 2009: Der nächste Lidl-Skandal, die systematische Erfassung von Krankheitsdaten der Beschäftigten, wird vom “Spiegel” enthüllt. ver.di nimmt dies zum Anlass, um das Unternehmen Lidl erneut zu einer Vereinbarung über faire Betriebsratswahlen aufzufordern. ver.di-Einzelhandelsexperte Ulrich Dalibor: “Wenn es nicht nur in einigen wenigen Filialen, sondern überall bei Lidl Betriebsräte gebe, hätte es diesen neuen Skandal überhaupt nicht gegeben.”

Quelle: Nach-Denk-Seiten

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» Von Julie (33) am Samstag, 11. April 2009, 7:33 Uhr
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4 Kommentare zu “Schwarz, schwärzer… eine Lidl-Chronik”
  1. 1 Trackback von Webnews.de
    am Samstag, 11. April 2009 12:41

    Schwarz, schwärzer… eine Lidl-Chronik…

    Inzwischen warnen Verbraucherschützer bei Lidl mit EC-Karte und Pin-Geheimnummer zu zahlen, weil ni…

  2. 2
    Gravatar von Peter
    Kommentar von Peter
    am Samstag, 11. April 2009 14:39

    Es ist wirklich erschreckend, allerdings ist die Chronik ja noch nicht mal vollständig – man hätte beispielsweise auch die Wallraff-Recherche aus dieser Lidl-Brötchenfabrik, die letztes Jahr in der ZEIT erschien, erwähnen können. Eine Gefahr dieses aktuellen Lidl-Bashings sehe ich jedoch darin, dass die anderen Discounter, die ja mitnichten nennenswert besser sind bzw. deren grundlegende Philosophie (Preise & Kosten drücken und damti eine Spirale nach unten in Gang halten), quasi ein wenig “entschuldet” werden, wenn sich der ganze Fokus nur auf Lidl richtet.

  3. 3
    Gravatar von SaarBreaker
    Kommentar von SaarBreaker
    am Dienstag, 14. April 2009 18:11

    Bei Lidl sind wir sicherlich noch lange nicht am Ende angelangt… Da wird es sicherlich noch einiges zu entdecken geben…

  4. 4
    Gravatar von Jonathan
    Kommentar von Jonathan
    am Sonntag, 19. April 2009 00:22

    LIDL setzt seit dem Überwachungsskandal überhaupt keine Videokameras mehr ein. Hier kommt es so rüber, als ob Lidl in jeder Filiale dutzende Kameras zur Mitarbeiter- und Kundenüberwachung installiert hätte. Doch das ist schlicht und ergreifend eine Unwahrheit. Selbst die verspiegelten Bürofenster neben den Kassen wurden mit blauen Werbebannern überklebt. Doch anscheinend spielt es in der öffentlichen Warnehmung keine Rolle ob Lidl überhaupt noch Überwachungsmaßnahmen betreibt oder nicht. Die Krankenakten wurden übrigens schon seit Dezember nicht mehr eingesetzt, also schon BEVOR einige Akten, welche eigtl schon längst vernichtet sein sollten, dem Spiegel zugespielt wurden. Für die Presse natürlich ein gefundenes Fressen weiter gegen Lidl zu wettern. Ob die Dinge noch aktuell sind oder nicht, interessiert nicht. Ich finde allerdings auch die Dinge, die Lidl in der Vergangenheit gemacht hat schlicht und ergreifend falsch, doch ist es traurig mit anzusehen, dass bei diesem Discounter, jetzt wo “er” seine Fehler eingesehen und vorhandene Unstimmigkeiten mit dem Datenschutz nach und nach ausgemerzt hat, immer nur auf vergangen Fehlern herumgehackt wird und nicht auch mal die definitiv vorhandende positive Tendenz hervorgehoben bzw. überhaupt erwähnt wird. Doch es wird wohl noch eine Zeit dauern, bis sich herumgesprochen hat, das Lidl gar nicht mehr das schwarze Schaf ist. Es ist eben leichter sich sein Image zu versauen als es wieder aufzubauen… siehe auch Opel, das seit dem Zafira wieder solige Autos baut, was sich allersings erst jetzt langsam mit dem Insignia auf Grund der hohen Medienpräsenz so langsam herumspricht…

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