Charlotte Knobloch, die Weltwirtschaftskrise und der Rechtsextremismus
Von Jochen Hoff, Duckhome
Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, ist tief besorgt über ein mögliches Erstarken rechtsextremistischer Parteien auch als Folge der Wirtschaftskrise, wie sie gegenüber der ddp-bay in München erklärte, und es ist empfehlenswert, den ganzen Text zu lesen.
In den vergangenen Monaten habe es bereits eine Zunahme von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland gegeben. Die «Unterwanderung der einzelnen gesellschaftlichen Schichten» durch den Rechtsextremismus sei «ganz vehement vorangeschritten».
Knobloch mahnte: «Wir alle müssen uns Gedanken darüber machen, wie diesem Anstieg endlich Einhalt geboten werden kann.» Sie sehe deutliche Parallelen zu den 30er Jahren. So könne wachsende Arbeitslosigkeit auch der rechtsextremen NPD bei der Bundestagswahl im September nutzen.
Frau Knobloch hat recht. Sie macht es sich jedoch zu einfach wenn sie nur nach einem runden Tisch gegen Rechts ruft, anstatt sich an die Analyse der Ursachen zu machen.
Beginnen wir also mit dem Anstieg des Antisemitismus. Genau an diesem Punkt ist es wichtig, sich Frau Knoblochs Institution einmal genau anzusehen. Sie nennt sich Zentralrat der Juden in Deutschland, agiert allerdings als Zentralrat der Exilisraelis in Deutschland.
Das ist legitim. Natürlich dürfen auch die Exilisraelis hier eine Vertretung haben. Allerdings gibt es dann ein Problem. Die Exilisraelis sind ja nicht in Deutschland im Exil, weil sie nicht in Israel leben könnten, sondern weil sie aus persönlichen Gründen lieber in Deutschland leben wollen und das auch gerne tun sollen. Gleichzeitig betrachten sie ihr Heimatland Deutschland allerdings aus israelischer Sicht.
Da wird dann schnell jemand wie Evelyn Hecht-Galinski zur Antisemitin gemacht, und jemand, der wie Henryk M. Broder zusammen mit den Rassisten von PI zum Großangriff auf die Muslime in Deutschland bläst, wird zum Freiheitskämpfer stilisiert. Natürlich ist auch jeder andere, der Israel für die Kriegs- und sonstige Verbrechen an den Palästinensern kritisiert, auch gleich ein Antisemit. Die Antisemitenkeule wird geschwungen, um eine Meinungsdiktatur pro Israel zu errichten, die einfach nicht haltbar ist.
Israel macht gravierende Fehler – und die Fehler der Palästinenser sind auch nicht besser. Gäbe es einen Zentralrat der Juden anstelle des Zentralrates der Exiljuden, würde sich die Auseinandersetzung in Palästina nicht in Deutschland fortsetzen. Im Gegenteil würden von hier die Friedensansätze, unterstützt mit genügend Geld, kommen.
Es gibt allerdings einen weiteren Punkt, in dem Frau Knobloch dramatisch irrt. Sie fordert eine Solidarität mit den Juden, die sie nicht bereit ist, selber anderen Gruppen von Verfolgten zu geben. Solidarität ist keine Einbahnstraße, und das schreckliche Verbrechen der Deutschen an den Juden, der Holocaust, ist keine Rückversicherung für die Zukunft. Es wird nicht funktionieren.
Das Bekenntnis zu Israel und zu den USA von großen Teilen des rechten Drecks ist nämlich nicht ehrlich. Entweder wollen sie die Juden christianisieren, oder benutzen sie nur als Feigenblatt für den Rassismus gegen Muslime, Farbige, Zigeuner, Schwule und was ihnen gerade sonst nicht passt. Ein Zentralrat der zu recht Solidarität fordert, muss den anderen auch die Hand reichen. Allen anderen. Gemeinsam ist man stark.
Der letzte Punkt von Frau Knoblochs Irrungen ist aber, dass sie sich nicht an die Ursachen der Weltwirtschaftskrise wagt. Sie sagt nichts gegen die Gier, den Machtmissbrauch und distanziert sich nicht von Ross und Reiter. Deshalb kann ja links, rechts und in der Mitte der unsinnige Gedanke vom jüdischen Weltkapital und der jüdischen Weltverschwörung wieder aufkommen, der gerne als Vorwand für Antisemitismus dient und eine gute Nährgrube für neue Vorurteile ist.
Der Zentralrat hat Leute wie Friedmann oder Ackermann nie gerügt. Er hat nie die Teilnahme aller Menschen am Wohlstand gefordert, sich nie für gleiche Chancen geäußert. Obwohl er vielfältig mit der CDU-Führung und dem Mittelbau wie auch mit der SPD verbunden ist, hat er nie politischen Druck für die Menschen in diesem Land ausgeübt, immer nur die eigenen Interessen verfolgt.
Natürlich muss dem Rechtsextremismus begegnet werden. Sogar sehr hart. Aber er ist heute weit in die CDU hineingedrungen. Frau Knobloch und ihre Vorgänger haben vielleicht zu wenig getan, um das Tier des Rassismus aufzuhalten. Es war ja auch so bequem, es quasi an der Kette im dunklen Verlies zu halten und immer wieder damit zu drohen, ohne sich wirklich fürchten zu müssen.
Nun ist das Tier los und kaum noch zu halten. Es hat viele Namen und viele Gesichter. Noch hat es keinen Führer, aber wenn es den hat, ist es zu spät. Frau Knobloch und ihr Zentralrat wird sich mit den Menschen in diesem Land zusammentun müssen. Sie muss den Neoliberalismus bekämpfen und für soziale Gerechtigkeit kämpfen, um das Tier wieder an die Kette zu bekommen.
Aber selbst wenn sie lieber auf der Seite der neoliberalen Menschenjäger bleibt, kann sie sicher sein, dass auch in der nächsten Diktatur genügend Menschen da sein werden um alles zu tun, was möglich ist, damit nicht wieder Menschen in Lager gehen. Egal ob sie Juden, Zigeuner, Schwule, Muslime oder Christen sind. Es geht um Freiheit und Gerechtigkeit für alle.
Quelle: Duckhome
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» Von Jochen Hoff (68) am Dienstag, 28. April 2009, 22:49 Uhr
» read: 12579 · today: 3 · last: 16. Mai 2012
» Kategorien: Ausland
» Tags: Antisemitismus | Juden | Muslime | Rechtsextremismus | Zentralrat der Juden
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am Freitag, 15. Mai 2009 10:37
Ein sehr interessanter Beitrag. Sicherlich hat Frau Knobloch, wie im Beitrag oben erörtert, in einigen Punkten recht. Aber ich denke auch, dass sie versucht die Krise für sich zu nutzen, um in die Öffentlichkeit zu kommen. Man darf die Augen sicherlich nicht vor der Erstarkung der rechtsextremen Parteien verschließen, jedoch glaube ich nicht, dass sich die Geschichte wiederholt. Dafür sind alle zu aufgeklärt. Sicher haben solche Parteien es in schlechteren Zeiten leichter, Stimmen zu gewinnen. Ich glaube aber eher daran, dass andere Parteien, wie z.B Die Linke davon profitieren als rechtsextreme Parteien. Auch eine sehr geringe Wahlbeteiligung halte ich für wahrscheinlicher als einen starken Stimmenzuwachs bei den rechtsextremen Parteien. Darauf aufmerksam zu machen halte ich für sehr sinnvoll, um auch allen die Problematik immer wieder vor Augen zu führen. Jedoch sollte man es dann auch dabei belassen und nicht noch diesen Parteien zusätzliche Öffentlichkeit bieten.