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Weltwirtschaftskrise: Ist der Kapitalismus noch zu retten?

Von Jochen Hoff am Donnerstag, 26. März 2009, 19:33 Uhr

Von Jochen HoffDuckhome

Vor der Beantwortung dieser Frage stellt sich zunächst eine andere Frage: Wollen wir den Kapitalismus überhaupt retten? Vordergründig eine schwierige Frage. Aber nur so lange, wie man so tut, als ob es eine Alternative gäbe. Da schreit sofort einer Kommunismus, der andere Sozialismus, und da hinten aus Bayern will einer die Feudalherrschaft zurück. Ein paar verirrte Sozialdemokraten reden noch von der sozialen Marktwirtschaft, werden aber von geifernden FDPlern verjagt, die den Begriff für sich reklamieren und bei denen sozial ist, was dem Großkapital nützt.

Schauen wir uns doch einfach mal die Lösungen an. Im Feudalismus ist es einfach. Das war ein reiner rücksichtsloser Kapitalismus, der nur dadurch gebremst wurde, dass die Menschen sich erhoben und ihre Fürsten oder deren Beauftragten einen Kopf kürzer machten. Übrigens ein über lange Zeit probates Mittel beider Seiten, den jeweiligen Unmut über die Haltung des anderen kundzutun. Gebremst wurde die Willkür nur dadurch ein wenig, dass es viele Feudalherren gab, die ein ganz klein wenig miteinander im Wettbewerb standen.

Zwischendurch versuchten immer wieder Könige und Kaiser alle Macht auf sich zu vereinen, was aber langfristig meist scheiterte, weil der Feudalherr sich auf andere niedere Feudalherren verlassen musste, die ihn dann genau so betrogen wie die Bürger. Das endete allmählich, als der Alte Fritz das Berufsbeamtentum einführte, das nur dem Recht verpflichtet war. Er war der erste Monarch, dem dann sein Recht in den Hals geschoben wurde, als ein Müller einen Prozess gegen ihn gewann.

Aber es blieb nicht nur bei dem Müller. Aus den Zünften, dem bürgerlichen Händlertum und einer bürgerlichen Oberschicht in Verwaltung und Geldmanagement entwickelte sich die industrielle Revolution, in der neben dem Herrscher immer mehr die Kapitalherren die Macht übernahmen. Der Staat wurde auf repräsentative Zwecke und die Außenpolitik beschränkt, der Herrscher als Auftraggeber vor allem für militärisches Gut verstanden, das Volk war der Esel, der die Kosten zahlen und die Arbeit leisten musste. Das Ergebnis war der oft beschriebene Manchesterkapitalismus und daraus erfolgten diverse Aufstände.

Formal erreichten die Menschen viel. Wahlrecht, Menschenrechte und allerlei schicken Tand, der aber nur in den Regalen landete und, ähnlich wie die kirchliche Monstranz, nur an seltenen Feiertagen dem Volk zur Bewunderung gezeigt wird. Daran änderten auch der Sozialismus und die Sozialdemokratie nichts. Als der Kaiser keine Parteien mehr kannte, latschten die deutschen Sozialdemokraten freudig in den ersten Weltkrieg. Danach ließen sie sich, von den Herren der Industrie, die Republik zerstören und schlugen sich ein wenig mit den Kommunisten die Schädel ein, weil die ja den falschen Glauben hatten.

Die Nazis durften unter dem Kapital herrschen. Krupp und IG-Farben sind ja nur Beispiele für die mörderische Komplizenschaft. Dann aber kam der Große Wandel. Im Westen gab es angeblich Demokratie, im Osten Sozialismus mit dem Ziel des Kommunismus. Der Kommunismus wurde nie erreicht. Er ist also eine rein theoretische Größe und deshalb nicht zu beurteilen. Der Sozialismus der erreicht wurde, widersprach sich selbst. Hatte Karl Liebknecht noch postuliert:

Sozialismus und De­mokratie sind nicht dasselbe, aber sie sind nur ein verschiede­ner Ausdruck desselben Grundgedankens; sie gehören zueinan­der, ergänzen einander, können nie miteinander in Wider­spruch stehen. [...] Der demokratische Staat ist die einzig mögliche Form der sozialistisch organisierten Gesellschaft.

zeigten sich im real existierenden Sozialismus schnell die Probleme. Die Meinung der Bevölkerung, also Demokratie, war im Westen wie im Osten nicht gefragt. Während des Wirtschaftswunders fraßen sich die im Westen erst einmal voll, und im Osten wussten sie sehr genau, dass sie auch ohne Wirtschaftswunder die Schnauze zu halten haben. Natürlich gab es überall Kämpfer für Demokratie. Die gibt es ja heute schließlich auch noch, aber die Systeme waren und sind halt nicht demokratisch. Beide nicht.

Der Sozialismus brachte den Monopolkapitalismus des Staates. Der Staat war Erzeuger und Verteiler aller Güter. Also versuchte er, die Güter nach einem Plan zu erzeugen, da ja scheinbar ein echter Wettbewerb nicht benötigt wurde. Das ging schief. Also gab es eine Reihe absurder Wettbewerbsmodelle, die aber auch nicht viel änderten. Die Leistungskraft der Industrie und allen Gewerbes wurde bei steigenden Kosten immer schwächer. Eine Zeitlang halfen Kredite, aber das Ende war absehbar.

Im Westen wurde mittels der Gastarbeiter eine künstliche Konkurrenz geschaffen, die zum Lohndumping bis heute benutzt wird. Aber beide Systeme sind kapitalistische Systeme. Solange beide existierten, es also theoretisch einen Wettbewerb gab, wurde in beiden Systemen wenigstens etwas für die Menschen und die Zukunft getan. Als der real existierende Sozialismus, mangels Masse, nicht mehr existierte, war diese Bremse raus und der Kapitalismus kehrte wieder zu Manchester zurück.

Das nächste Kapitel waren die gierigen Irren, die Renditen forderten, die niemand erwirtschaften konnte, die aber Trillionen Euro an Blasen erzeugten und immer noch erzeugen und die Weltwirtschaft in den Untergang führten, ohne auch nur ein Mindestmaß an Schuld oder Verantwortung zu empfinden. Was geht das Großkapital das Elend der Menschen an.

Die Frage lautet also gar nicht, ob wir den Kapitalismus erhalten wollen. Wir haben kein anderes Modell. Zumindest zur Zeit nicht, was aber nicht heißt, dass es keines gäbe. Theoretisch gibt es viele interessante Ansätze. Aber keiner kann den Kapitalismus ersetzen, weil der Kapitalismus eine Urtriebfeder hat, die sich nicht stilllegen lässt oder, wenn sie zwangsweise stillgelegt wird, zum totalen Leistungsverlust führt. Diese Triebfeder ist Wettkampf der Menschen untereinander.

Wer auch immer erzählt, dass Dabeisein alles sei, der will nur davon ablenken, dass er nicht gewinnen kann. Alle Menschen wollen gewinnen, obwohl es nur wenige wirklich schaffen. Zum Glück gibt es eine fast unbegrenzte Zahl an Feldern, auf denen dieser Wettbewerb stattfinden kann, so dass die Stärken des Einzelnen eigentlich immer herausgearbeitet, vor allem aber anerkannt werden könnten.

Tatsächlich haben wir aber diesen Wettbewerb nur auf eine einzige Sache reduziert. Den Besitz von Geld – oder Dingen, die man für Geld kaufen kann. Mein Haus, mein Auto, mein Swimmingpool, mein Boot, meine Pferde und meine Pferdepflegerinnen. Es geht nur um schnödes Geld; nichts Edles, nichts Ehrenhaftes und keine Treue haben daneben bestand. Es gibt nur noch einen Messwert: Was hat es gekostet? – Eine ziemlich arme Gesellschaft.

Vor allem aber eine Gesellschaft, die sich in einer Sackgasse befindet. Was soll nach einem Auto für ein Million Euro folgen? Eines für zwei Millionen? – Irgendwie ziemlich blödsinnig. Wir haben die Dinge von ihren Funktionen befreit. Ein Haus ist nicht zum Wohnen sondern zum Angeben, die Pferdepflegerinnen sicher nicht fürs Bett sondern Statussymbol. Ein Ersatz, ein Surrogat. Erdbeeren im Dezember, Trauben im Februar und Tomaten rund ums Jahr. Immer billig, immer verfügbar.

Die Currywurst wird mit Blattgold aufgewertet und Trüffel kommen aufs Himbeereis. Warum lassen wir uns so leicht mit Ersatz befriedigen? Weil es einfach ist. Vergleichen sie doch mal die Leistung eines Springreiters mit einem Dressurreiter, einen erfolgreichen Autor mit einem Rechtsanwalt, einen verantwortungsbewussten Autoschlosser mit einem Arzt. Das ist mühsam. Da müsste man die Leistungen als Leistung an sich anerkennen. Könnte nicht ausdifferenzieren.

Der ewige Ersatz, das Surrogat soll uns taub machen. Uns unsere Urteilsfähigkeit nehmen. Der Beweis ist einfach. Man nehme die kalten Erdbeeren aus dem Supermarkt und fahre hinaus auf ein sonniges Erdbeerfeld. Man muss sich nicht blamieren und andere testen lassen. Der Test ist schnell selbst gemacht, aber bitte die weitgereisten Erdbeeren und die Plasteschale nicht auf dem Acker entsorgen.

Es lässt sich nämlich nichts ersetzen. Alles ist einzigartig und alles muss zu seiner Zeit genossen werden. Das würde aber bedeuten, der ständigen Verführung durch Ersatz und Surrogat zu widerstehen, und würde viel Kraft kosten. Deshalb ist es wichtig, ein Korsett aus Regeln zu schaffen, das es den Menschen leicht macht, ein gerades Rückgrat zu bewahren.

Regeln sind Gesetze und sie müssen sowohl allgemein verständlich, als auch leicht kontrollierbar sein. Man kann eine Erdbeere nicht zweimal essen, deshalb kann man Geld auch nur einmal verleihen und nicht mehrfach. Boden ist, wenn man von Aufschüttungen im Meer absieht, nicht vermehrbar. Gut, es gäbe noch die Raumfahrt, aber auch da ist er letztendlich eben doch endlich. Deshalb kann man Boden nicht besitzen – man kann ihn nur nutzen und muss dabei den Nutzen aller berücksichtigen. Auch den zukünftiger Generationen.

Das gleiche gilt für Bodenschätze. Man kann sie nicht besitzen, aber natürlich kann man sie bergen. Während der Acker jedes Jahr wieder Früchte trägt und auf den Wiesen immer wieder Kälber heranwachsen, sind Bodenschätze endlich. Deshalb muss die Allgemeinheit den höchsten Profit an ihnen haben. Das gilt natürlich auch für Luft und Wasser. Niemand kann die Luft oder das Wasser besitzen. Es gehört allen und eigentlich weltweit gleichermaßen.

All diese Dinge kann man mit einfachen, leicht verständlichen Sätzen klären und in ebenso einfachen Gesetzen für jeden verständlich niederschreiben. Dann braucht es nur noch ein Gesetz, das demjenigen, der gegen die Gesetze verstößt, seinen Ertrag und Mittel, also das Kapital nimmt, mit dem er diesen Verstoß finanzierte.

Das Schwierigste zum Schluss. Jetzt stehen sich noch zwei Produktionsfaktoren gegenüber. Arbeit und Kapital. Bisher ging dieser Konflikt immer zuungunsten der Arbeit aus. Mal sorgten Gewerkschaften für höhere Löhne, aber meist hatte das Kapital schon vorher die Preise erhöht. An der Ausbeutung änderte sich nichts. Dabei ist die Antwort verblüffend einfach. Kapital und Arbeit könnten leicht gleichberechtigte Partner sein.

Das Kapital stellt die Betriebsstätte, die Maschinen und das Material. Der Arbeiter stellt seine Arbeitskraft, sein Wissen und seine Kreativität. Damit gäbe es eine gleiche Ausgangslage. Natürlich kann nie der ganze Ertrag verteilt werden, ständig müssen Anlagen und Maschinen ausgetauscht und Mitarbeiter weitergebildet werden. Dazu kommen noch die Kosten für Vertrieb und den laufenden Materialbedarf. Aber das, was übrigbleibt, können sich Kapital und Arbeit teilen.

Eine Utopie. Vielleicht. Aber wir stehen vor dem totalen Zusammenbruch des aktuellen Systems. Da wird man schon einmal über neue Lösungen nachdenken müssen. Ansonsten geht es wie schon immer in der Geschichte. Wenn das Kapital nicht weiterweiß, gibt es einen Krieg, und diese Kriege werden immer mörderischer. Da ist eine freundliche Utopie sicher besser.

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» Von (68) am Donnerstag, 26. März 2009, 19:33 Uhr
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