Ratten in der deutschen Politik
Ratten in der Politik haben in Deutschland eine gewisse Tradition.
1940 benutzte Joseph Goebbels im Propagandafilm “Der ewige Jude” Ratten und erklärte dem deutschen Volk: “Wo Ratten auch auftauchen, tragen sie Vernichtung ins Land, zerstören sie menschliche Güter und Nahrungsmittel. […] Sie sind hinterlistig, feige und grausam und treten meist in großen Scharen auf. Sie stellen unter den Tieren das Element der heimtückischen, unterirdischen Zerstörung dar – nicht anders als die Juden unter den Menschen.”
Am 23.09.1974 veröffentlichte Die Welt ein Zitat von CSU-Chef Franz Josef Strauß, das sich insbesondere auf den Schriftsteller Bernt Engelmann bezogen haben soll: “Was wir hier in diesem Land brauchen, sind mutige Bürger, die die roten Ratten dorthin jagen, wo sie hingehören – in ihre Löcher.” In der Folge bestritt Strauß zwar, dass diese Worte so gefallen seien, doch der Verdacht liegt nahe, dass das lediglich ein taktisches Dementi des rechtsextremen Terrorpaten war.
1997 erklärte der kriminelle Pate und Berliner CDU-Fraktionsvorsitzende Klaus-Rüdiger Landowsky Obdachlose zu Ratten und forderte deren Beseitigung: “Ich bin auch dankbar dafür, daß der Senat jetzt intensiv gegen die Verslumung Berlins vorgeht, gegen Sprayer, gegen Müll und Verwahrlosung auch der städtischen Brunnen. Es ist nun einmal so, daß dort, wo Müll ist, Ratten sind und daß dort, wo Verwahrlosung herrscht, Gesindel ist. Das muß in der Stadt beseitigt werden.”
Im Februar 2008 schloss die Berliner Politikerin Renate Künast vom grünen Bataillon der NATO sich der Rattenrhetorik dieser traditionsreichen deutschen Politiker an und nannte die Linke Rattenfänger. Wer die Ratten sein sollen, als deren Fänger sie die Linken bezeichnete, durften Zuhörer sich selbst denken.
Und nun macht auch der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Henner Schmidt, mit Rattenpolitik auf sich aufmerksam. Er fordert von Flaschensammlern ein Kesseltreiben auf Ratten und möchte dafür eine Kopfprämie von einem Euro pro Ratte zahlen. Selbstverständlich, das braucht niemand zu betonen, meint Henner Schmidt mit Ratten weder Juden noch Bernt Engelmann und auch nicht Obdachlose oder Linke und doch ahnt schon mancher, dass aus der Jagd nach Rattenköpfen eine Hartz-IV-Zwangsarbeit werden könnte, deren rhetorische Figuren sich – wie die oben genannten Beispiele zeigen – leicht auf eine Menschenjagd übertragen lassen.
Wenn der frühere McKinsey-Mann das Ziel hatte, maximale Aufmerksamkeit zu bekommen, so hat er das Ziel erreicht. Martin Behrsing vom Erwerbslosen-Forum überlegte öffentlich, Hartz IV-Bezieher dazu aufzufordern, dass sie anstatt Jagd auf Ratten, besser Jagd auf Berliner FDP-Politiker machen, wenn Henner Schmidt seinen Vorschlag wirklich in die Bezirksverordnetenversammlung einbringen sollte. Perspektive 2010 wünscht dazu “Weidmanns Heil!” und ZAF wirbt für Aktionen gegen die Politikerplage.
Scienceblogger Christian Reinboth fragt sich, ob sich in Berlin noch jemand die Pressemitteilungen durchliest, bevor sie in den Verteiler kommen. Mittelwelle fragt sich, “ob die FDP aufgrund permanenter Abwesenheit von Regierungsgeschäften jetzt einfach mal die Tabletten komplett weglässt”. Heftklammer bezeichnet Henner Schmidt als lebendinge Politratte. Der Seefahrer schreibt, “das zu kommentieren hieße, sich mit solchen degenerierten Schwachköpfen auf eine Stufe zu begeben.” Schmidts Parteifreund Jan vom Filterblog nennt den Vorschlag “weder ausgesprochen liberal noch insgesamt besonders intelligent”. Soviel zum Echo.
Es gibt aber auch Leute, die praktisch mitdenken. Claus W. Clausen macht den Vorschlag, stinkende tote Ratten bei Henner Schmidt im Büro abzuliefern. Prima Idee, in Berlin könnte man dazu auch extra ein paar mehr Ratten füttern und für die Suppenküche züchten, damit Arbeitslose sich das ihnen per Sozialbetrug geklaute Geld bei Henner Schmidt zurückholen können. Warum sollte man auch keine subventionierte Rattenzucht betreiben? Schließlich sind Ratten doch ganz possierliche Tiere.
Insgesamt mag man wirklich zuversichtlich sein. Geschichtlich gesehen hatten soviel Gegenwind wie heute Ratten in der deutschen Politik noch nie. (Quelle: Mein Parteibuch)
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» Von Mein Parteibuch Blog (93) am Dienstag, 16. Dezember 2008, 19:59 Uhr
» read: 2461 · today: 2 · last: 10. März 2010
» Kategorien: Deutschland, Politik
» Tags: Deutschland, FDP, Politik
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am Mittwoch, 17. Dezember 2008 10:15
[...] Der Vorschlag von Henner Schmidt trifft im Allgemeinen auf Ablehnung. Manch ein Zeitgenosse fragt auch nach der Verwendbarkeit der getöten Tiere – immerhin wurden in Hungerzeiten auch Ratten gegessen. In der Politik hingegen wurde sprachlich immer wieder auf Rattenfang gegangen. [...]